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Ich weiss nicht mehr wann ich begann, den wichtigen Menschen in meinem Leben einen bestimmten Klingelton zuzuweisen.

Vielleicht weil Klänge schon immer mein Dasein bestimmten und sie gewissen Lebensmomenten die nötige Bedeutung einhauchen oder ihre Dramatik unterstreichen, die ich auch einfach manchmal herbeiführen möchte.

Ohne musikalische Untermalung wären die jeweiligen Augenblicke wohl auch gar nicht so episch wirkend.

Die Resonanz fehlt und wir schwingen nicht mit den gegebenen Umständen mit, da unsere Spiegelneuronen sich nicht dem Gegenüber und dem Sachverhalt zur Verfügung stellen. Musik hilft da enorm.

So macht das ja auch die Filmindustrie. Sie macht sich unser neurologisches System zum Untertanen. Bisschen Horror gefällig? Dramatische Bassline, kreischende Geigen und ein zitterndes Snare – et voila. Wolke 7 in zuckerrosarot bevorzugt? Such dir selbst ein herzschmerzerweckendes Instrument aus. Ich persönlich bevorzuge da ja die Hammondorgel.

Vorteil des personifizierten Klingeltones:

Du stürzt nicht mehr überhastet aus der Dusche, haust dir dein Knie am Toilettenrand an und reisst den Duschvorhang runter, wenn dein Smartphone pingt oder pongt. Denn du weisst – es ist nicht ER. Du shampoonierst also in Ruhe weiter.

Du glaubst einen Zustand gefunden zu haben, der in seiner Beschaffenheit an Vorteilen überwiegt. Vielleicht gibt es dir sogar eine Art Sicherheit, dieses latent ruhige Gefühl, etwas ein Stück weit unter Kontrolle zu haben, das sich nicht kontrollieren lässt. Denn wie sollte sich Kommunikation über ein weiteres Medium, das sich stets immer wieder als solch schrecklich verzerrender Filter erweist, kontrollierbar sein? Niemals. Zum Glück.

Und dann sind es wieder diese Tage, an denen du, entgegen allen New-Age-Ratgebern, das Spiel des „Kontrafaktischen Denkens“ über dich ergehen lässt. Entgegen allen Achtsamkeitstheorien, den gutgemeinten Eckhart Tolle RatSCHLÄGEN „Sei im Hier und Jetzt“. Denn du fragst dich:

Was wäre wenn?

Ja, was denn eigentlich?

Vera F. Birkenbihl, Motivationstrainerin, sagt dazu:

„Wie können wir wissen, dass Etwas besser wäre, wenn es anders wäre?“

(https://www.youtube.com/watch?v=PIKuDKxyc24)

 

 

Cora E., das rappende Schlüsselkind meint dazu nur ganz abgebrüht:

„Es wäre nicht so wie es ist, wär es damals nicht gewesen wie es war.“

(https://www.youtube.com/watch?v=5_M7abyCVQE)

 

Doch was, wenn das HIER und JETZT nicht dem Vergangenen gerecht werden kann? Wie bitte soll denn dann dieser Zustand ausgehalten werden? Wie damit umgehen, dass dein Telefon in allen Tönen des Regenbogens pingt, jedoch nicht in seinem?

Du kannst Sport machen, einkaufen, dich betrinken, die Nacht durchtanzen. Du kannst viele Kilometer weit fahren, um Freunde zu besuchen und dich ganz in ihr Leben eingeben. Nur um deine innere Begierde „nicht fühlen zu müssen“ kurzzeitig zu betäuben. Wenigstens für einen Moment lang. Trotzdem hast du ständig die Bilder vor deinem inneren Auge, der vergangenen Szenarien. Ein bestimmter Weckton, die Erinnerung an das Aufwachen aus einem Alptraum oder das unbändige Verlangen in den Augen des Anderen.

Entfliehen auf Zeit sei dir dann angeraten, jedoch mit dem Wissen, dass bei deiner Rückkehr, das Aufprallen in der Realität nur noch schwerer zu ertragen sein wird, als vor deinen kläglichen Ablenkungsmanövern.

Und ums Himmels Willen beginne keine Kommunikationsanläufe auf deinen selbstkasteienden Ablenkungsmanövertrips. So verwirrt wie du dann dein „Hallo-Versuch“ starten wirst, geht dies bestimmt ganz bipolar auf dein Gegenüber wirkend nach hinten los (der Schuss).

Im besten Falle ignoriert er sogar deine letzte Sprachnachricht, mit der du deinem letzten Satz so viel Bedeutung einverleiben wolltest. So stehst du da, mit runtergezogener Hose und das Einzige was bleibt, ist bitte ja nicht das Gleichgewicht verlieren und vornüber auf die Nase zu fallen.

(Haben Hosen in Kniekehlen hängend so an sich.)

Ich wäre ja Whats App sehr dankbar, wenn es das Gadget „schreibt nicht…“ erfinden würde.

schreibt nicht…

Haha.

Ha.

Es wäre dann so transparent. Anstelle dessen lacht dir diabolisch ein „online“ entgegen und du hältst diesen Zustand im Kopf nicht aus.

Natürlich wissen wir alle, dass wir den neuen Medien viel zu viel Raum in unserem Leben lassen. Wir wissen, dass die persönliche Kommunikation immer noch den höchsten Stellenwert einnimmt. Wir sehen die Mimik und Gestik unseres Gegenübers. Wir hören seinen Tonfall und können bei Unklarheit direkt nachfragen, wie die Aussage nun zu verstehen sei? Doch auch schon dies kann äusserst komplex sein und erfordert teils grossen Mut. Was gibt es Schöneres, als miteinander zu sprechen und kurzweilig in anderen Sphären abzutauchen? Die Weltanschauungen des Gegenübers kurz durch einen Vorhangspalt betrachten zu dürfen und Einblick in eine andere Wahrnehmung erhalten zu dürfen? Und vor allem – wir spüren unser Gegenüber und riechen es. Unsere Pherhormone spielen nicht länger Verstecken und zeigen sich von ihrer besten Seite. Yay!

 

Zürück zum kontrafaktischen Denken…

Aber was wäre denn , wenn es nie wieder zu einem solch persönlichen Austausch kommen sollte? Was wäre, wenn all die geteilten Gedanken und Lieder, die zum weiter sinnieren und philosophieren angeregt haben, bereits vorbei sind? Was wäre wenn…?

Natürlich kreiert in genau diesem Moment das Leben einen Zustand, der dein Telefon in dem erwünschten Ton aufplingen lässt.

Was darauf folgt ist wie tiefes achterbahnmässiges Fallen in eine sternenklare Nacht.Magenerven ziehen sich zusammen. Dein Herz pocht bis zur Halsschlagader.

Du nimmst es in die Hand, du freust dich so sehr.

Du schaust auf dein Display in freudiger Erwartung, dass sich dein Gemütszustand alsbald erhellen wird.

Du freust dich auf Antworten auf deine letzten Fragen und vielleicht auch Reaktionen auf deine vielleicht zu fordernden Ansprüche.

Und dann­… Dann steht da einfach der FALSCHE Name, zum RICHTIGEN Klingelton!

Einfach so.

Falsch.

Und du sitzt nun auch auf der falschen Achterbahn. Nicht auf der Guten jedenfalls. Eher auf der, nach der du dich übergeben musst.

Ein Name, den du jahrelang nicht mehr gelesen hast mit dem richtigen Ton.

Wie kann sich denn bitte etwas so richtig anfühlen und anhören, aber gleichzeitig so falsch sein?

Ich stelle nun die Vermutung an, dass der Reigen des Lebens dir wiedermal ans Bein pissen wollte. So ganz grosskotzig halt. Das Leben war früher bestimmt mal Porschefahrer mit zu kleinem Schniedel. Ganz bestimmt. Ätsch! Verarscht! Herzlichst – dein Leben.

Das Leben zeigt dir, dass Menschen von früher an Bedeutung verlieren. Du besetzt ihre übriggebliebenen Gedankenfacetten, die sie in dir zurückgelassen haben, mit neuen für dich wichtigen Inhalten. Du verknüpfst ihr Gedankengut solange mit neuen Zuständen, bis sie sich nicht mehr so schmerzhaft in dir anfühlen. Bis all das Vertraute ganz verschwommen und fremd ist. Du weisst, dass nie wieder jemand in dir dasselbe Gefühl und die gleiche Geborgenheit auslösen kann. Deshalb konstruierst du um all die vergangenen Erinnerungen so lange etwas Neues, bis du es ertragen kannst. In deinem Inneren wirst du zwar immer wissen, dass du aus dem Vertrauten etwas Neues gemacht hast, damit du es überhaupt aushalten kannst. Ein von dir nicht tapezierter Erinnerungsfetzen wird immer noch hervorschauen und dich mit deinem längst vergangenen Abgründen in Berührung bringen wollen. Aber es ist besser als Nichts tun. So tun als ob.

 

Du besetzt also neue Menschen mit alten Tönen, die ihre Bedeutung von damals längst verloren haben ohne, dass es dir bewusst ist. Diese Tatsache macht den ganzen Sachverhalt noch verrückter, als er eh schon ist.

Wichtiger Mensch – bestimmter Ton – vergessen müssen um jeden Preis – Jahre vergehen – du überlebst – neue Menschen, neue Töne – neuer Mensch, DIESER Ton – diesen Ton vermissen – ihn so fest erklingen hören wollen – er erklingt – alter Mensch.

Wie gut, dass dich das Leben dann daran erinnert : Klingt richtig, liest sich falsch?

Heisst:

Alles geht vorbei.

Auch das Warten auf DEN Ton mit dem RICHTIGEN Namen.

Und Scheiss auf Personifizierungen aller Art! Ich bin personifiziert genug.

 

§977 · Juli 9, 2017 · Allgemein · (No comments) ·


Ist es der da, der da am Eingang steht?

Oder der da, der dir den Kopf verdreht?

Oder der da –  mit dem dicken Pulli an…

Fanta Vier wussten bereits 1992 um was es wirklich geht. Heute ist die Thematik noch aktueller, als damals. Vielleicht auch, weil ich nun endlich das passende Alter für die Thematik habe. Haha. Möglich.

Deichkind sagten 20 Jahre später dann dazu „Leider geil“. Damals leider geil, heute leider geil. Leider leider geil. Implizierte Widerspruch par excellence. Humor von heute vom Feinsten!

Danke, dass die Szene mitdenkt. Yo!

Am Ende spielt es jedoch gar keine Rolle, ob es DER da oder der DA ist. Ob es der da, mit der Hipster-Hornbrille auf der Nase mit ultra-oversize Shirt (Guido Maria Kretschmar, ich denke an dich!) ob es der da, mit dem Under Armour Cap und dem Proteinshake in der Hand, oder ob es der da, mit der Aktentasche unter dem Arm und dem Prada-Duft ist.

Hauptsächlich und generell ist ER einfach männlich und DA. Falls du jemals glaubst es ist DER, dann unbedingt folgende Schritte unverzögerlich einleiten:

Weinglas (Weinglas steht hier stellvertretend für alle alkoholischen sowie leicht gegärten (überreife Beeren) Getränke, wegstellen, Smartphone ausschalten (noch besser in den Rhein werfen), nach Hause fahren (alleine in Zwangsjacke oder im Mindesten in Begleitung deiner Mutter, Tante UND Oma), danach circa für drei Tage das Bett nicht mehr verlassen.

Anmerkung der Redaktion:

Pizzaliefer-, sowie Velokurrierdienst vor dem Smartphoneentsorgungsakt über die täglichen Belieferungwünsche bitte im Voraus informieren, ohne Handy wirds dann tricky…

 

Der da, hat der da das Herz gebrochen, weil er auf ihre Liebesbekundung nichts mehr gesagt hat.

Der da, hat der da ins Gesicht gelogen, weil er nämlich doch eine Freundin hat und gar nicht Daniel heisst. Arzt ist er im Übrigen auch nicht.

Der da,  hat der da ein Wochenende versprochen, welches er nie einlöste.

Der da, hat der da nach drei Tagen Kennenlernzeit „Schatz“ gesagt und über eine gemeinsame Zukunft gesprochen, um danach Wochen später alles Gesagte ohne Skrupel zurückzunehmen.

Der da, hat der da eine handgeschriebene Karte geschenkt, deren Worte bereits, als sie in Tintenform aus dem Kulli flossen, an Bedeutung verloren.

Die Liste von DEM da könnte xbeliebig weitergeführt werden. Derartige Geschichten erreichen mich in diesen Tagen aus allen Himmelsrichtungen und lösen weder Erstaunen noch Entsetzen aus. Sondern lediglich nur noch ein wohlwissendes Lächeln. Ja. Genau. So ist es. Leider nicht geil.

Männliche Leser werden an dieser Stelle sagen: „Ja aber genau dies gibt es auch in DIE DA.“

Natürlich! Ohne Widerrede!

Dieser Zustand lässt mich weiterdenken und mein Hirn kramt nach einem weiteren Titeln aus der Rapgeschichte unserer Zeit, um zu beschreiben, was hier eigentlich passiert.

Ein guter Freund von mir hat es neulich mit dem Kauf eines Autos als Metapher ziemlich schön umschrieben.

Würdest du ein neues Auto kaufen oder aber das selbe alte Auto nochmals?

Du und dein altes Auto, ihr ward ein unschlagbares Team. Ihr konntet vertraut bis ins Tessin fahren und in jeder Kurve hast du es gespürt. Wie auf Schienen seid ihr eure gemeinsamen 175´000 von 275´000 km gefahren. Keine Panne, kein TCS, nur du und dein altes schnuckliges Auto, das klappert und rattert und voller Zigarettenasche ist.

Oder aber würdest du ein neues Auto kaufen? Der Reiz, die vielen neuen Knöpfe zu drücken ist nicht zu bändigen. Alles ist spannend, aufregend und beflügelt deine Fantasie. In Höchstgeschwindigkeit braust du mit ihm über alle Wipfel und kommst dir richtig geil vor.

In der Generation #wegwerfgesellschaft wollen wir immer das Neuste und Beste. Wir erhoffen uns durch den Kauf von neuen Gegenständen mehr Freiheit, Unabhängigkeit und vor allem auch besseres Ansehen bei der Gesellschaft. Wir sind nicht mehr bereit alte Dinge zu reparieren oder uns um sie zu kümmern. Besser weg mit dem Alten. Aus den Augen aus dem Sinn. Zudem kommt nach dem Alten doch immer was Besseres und Neueres um die Ecke. Stell dir vor, du mühst dich zu sehr mit dem Alten ab!? Du würdest ja alles verpassen! Dein Leben würde an dir vorbeiziehen, ohne dass du vom Neuen gekostet hast. Dr. Dre dachte sich da bestimmt – und nun „The Next Episode“. Und genau so funktionieren die NICHTBEZIEHUNGEN heutzutage. Besser wöchentlich was Neues, als sich mal ein paar Monate aus das Alte einlassen. Klingt jetzt alles sehr desperate. Aber glaubt mir… Wenn ich frustriert bin, gehe ich bei Globus durch die Beautyabteilung. Ort des nackten Grauens. Mein grösstes Mitgefühl gehört zur Zeit gerade der weiblichen Generation nach mir. Die muss sich mittlerweilen mit Schminke für unter der Schminke herumschlagen. Wie schminke ich mir mit dem grünen Concealer und dem dunkelbeigen Konturenstift einen höheren Wangenknochen, um darüber dann Make-Up Nummer eins darüber zu schmieren? Mädels, ein gut gemeinter Rat: Lasst es bleiben! Irgendwann bröckelt das Zeugs eh weg und ihr seht echt blass aus. Und DER DA wird es nicht verstehen. Scheisse echt. Schminke für unter der Schminke. Crazy… Nach dem Globusbesuch ist die Welt dann wieder sehr viel rosiger. Vor allem hat die Marinabar am Hafen in Basel seit vorgestern wieder offen und so kann sich frau wieder sehr häufig die spektakulären rosafarbenen Kitschhimmels reinziehen. #loveit

Freundeskreis haben damals mit „Mit dir“ echt was für die Ewigkeit getan. Mehr Ehrlichkeit als in diesem Track kann man nicht erwarten. Der weiblichen sowie auch männlichen Sicht der Dinge wird unbeschönigt Platz eingeräumt und spricht DEN DA sowie auch DIE DA an. Sie will ihn checken bevor er am Morgen weggeht, er will sie nicht wecken aber schreibt dann (vielleicht) einen Zettel…

„Hammerhart“ war es aber bereits ein Jahr vor „Mit dir“. Mit den Beginners. Da ist Einiges am Start. Bei DEM DA auf jeden Fall. Vor allem bei DEM, der seinem neuen Date direkt unter die Nase reiben muss, dass er sehr begehrt ist und noch Anna, Julia und Pascale am Start hat. Aha. Zwischennippen am Amaretto Sour, Haltung wahren, lächeln.

Der siebenundzwanzigjährige Cro findet das jedoch alles sehr „Easy“ und bestätigt DEN DA in seiner Haltung, sie bloss nicht für voll zu nehmen. Ina ist ja eh verrückt, wenn sie nach drei Tagen bereits heiraten will. Also nimms easy und hau ab nach Washington DeaCyyy.

Run DMC fanden dies bereits 1986 „It´s tricky“. Danke ihr weisen Helden der Achziger, ihr habt ( die DIE DA´s unter uns) in unserer ganzen Art und Weise erfasst.

Tricky oder Easy, eines ist so puderrosa klar, wie der Himmel über der Marinabar (Reim <3):

Der Gesamtzustand in Sachen Liebesdingen ist gerade für DEN DA oder DIE DA, unschön und schmerzhaft fürs Herzchen.

Und Herzchen, wenn du Mitternacht deinen Schuh verlierst (oder vom Tisch fällst) bist du nicht Aschenputtel, sondern einfach betrunken.

Deshalb zurück zum Ratschlag von vorhin: Fahr nach Hause. Ohne DEN DA, denn DER DA, weiss selber noch nicht, ob er gerne der Prinz mit dem passenden Schuh oder aber doch eher der Real Slim Shady sein will.

One Love! YO! I´m out!

 

Peace

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Faanasdfasjdkfansk

§48 · März 23, 2017 · Allgemein · (No comments) ·


„all the world´s stage, and all the men and women merely players; they have their exits and their entrances; and one man in his time plays many parts, his acts being seven ages.“

-as you like it by william shakespeare-

„we can only burn on forever when we let go. flames die behind closed curtains.“

– inspired by erin van vuren-

 

Neulich durfte ich einer ambitionierten jungen Theatergruppe, zu welcher ich mich glücklicherweise dazu zählen darf, beim Proben auf der Bühne zusehen. Dabei wurde natürlich zuerst der Vorhang aufgezogen. Die Halle ist dunkel, das letzte Räuspern der Menschenmenge verhallt, die Schauspieler atmen nochmals tief durch – und los geht’s… Dieser schwere dunkelblaue Samtvorhang spielt schon sehr lange eine bedeutende Rolle in meinem Leben und ich bemerke, wie ein Lächeln über mein Gesicht streift, als ich in den Erinnerungen zu schwelgen beginne. Vorhänge, die zu früh gezogen wurden, Vorhänge, die zum Glück wohlweislich nach einem Fehler gezogen wurden, Vorhänge die mit Elvis Mikrophonständer in meiner Hand undurchdringbar waren, da die Stoffmasse den Ausgang nicht preisgaben…

Aber es gibt ja auch die sogenannten normalen Vorhänge. Die, die du vielleicht schon lange kaufen möchtest, oder auf jeden Fall deiner Mutter bei jedem Besuch lächelnd erklärst: Vorhänge muss ich halt noch besorgen! (Das Selbe gilt im Übrigen auch für Lampen…)

Ein Blick von meinem Balkon verrät: Die Vorhänge meiner Nachbarn sind entweder hässlich, zu durchsichtig oder nicht vorhanden. Dabei wäre es wirklich ratsam, nun in den dunklen Wintermonaten die Fenster damit zu bekleiden.

Meine Vorhänge sind eines: Nämlich ganz gewiss zu lang! Ihre defizitäre Länge habe ich lange als Manko betrachtet, bis ich mich dazu entschloss, diesen Ist-Zustand zu meinem Vorteil umzumünzen. So kam es, dass hinter meinen meterlangen Vorhängen, stilbewusst in goldbeige-weiss, nun Stauraum entstand für so Einiges, was andere Menschen wohl in ihrem Keller oder ihrem Einbauschrank aufbewahren. Da Zweiteres bei mir nicht vorhanden ist, wird die Stoffbahn, die Wohnraum und Fensterfront getrennt voneinander vereint, nun zum Vorhangschrank. Ha! Wie clever!

Etwas stolz wischte ich mir den Schweiss von der Stirn, als ich erfolgreich Staubsauger, Gästematratze, Yogamatte, eine Überdosis an Handtaschen und ungeliebte aber bequeme Schuhe, dahinter verstaut hatte.

Muss frau ja dann auch nicht saugen dahinter – nein nein keinesfalls.

Der neue Vorhangschrank war dann auch Auslöser für eine kleine Panikattacke, verursacht durch Spinnenviecher (und nein ich bin nicht der Typ Frau, welche bei solch einem Notfall ihren oder einen Freund kontaktiert) da ich kurz glaubte, meinen Staubsauger in geistiger Umnachtung in mein Kellerabteil gestellt zu haben.

Unten angekommen, fand ich zwar keinen Staubsauger, stellte jedoch fest, dass jemand in mein Kellerabteil eingebrochen war. Danke für Nichts. Danke für die nie wiederkehrende verlorene Zeit auf dem Polizeiposten und der Staatsanwaltschaft zwecks Anzeige. Aber dies ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht sonst einmal erzählen mag…

Wir ziehen ständig Vorhänge in unserem Leben. Abends nach einem anstrengenden Tag – ratsch. Morgens, vor einem vielsprechenden Tag – rutsch.

Manchmal ziehen wir einen Vorhang während Begegnungen mit anderen Menschen um uns abzugrenzen. Oder wir lüften ihn spielerisch einen kleinen Spalt, damit jemand Neues, einen Blick dahinter erhaschen kann.

Oft stellen wir auch fest, dass ein bestimmter Mensch gerade im Begriff ist, einen Teil seines Seelenvorhanges zu zuziehen, da in ihm sonst zu vielEmotionen ausgelöst werden könnten.

Ab und an zerren wir hilflos an unseren Vorhängen und würden uns wünsche, dass sie in der Einhängschiene besser Schlitten fahren würden.

In der Bibel reisst auch schon mal ein Vorhang in der Mitte auseinander, bei so ganz grossen epischen Ereignissen halt und ich behaupte zu wissen, dass bei unzähligen Omas Tonnen von Vorhangstoffen im „Buffet“ vor sich hin modern.

Vorhänge sind anstrengend. Ich finde sie anstrengend. Vielleicht auch nur die Tatsache, dass ich nicht die Musse verspüre, sie mit Metermass und Nadeln im Mund abzustecken und unter das Füsschen meiner nichtvorhandenen Berninanmaschine zu jäten.

Vorhänge wollen mehr. Fast so als würden sie uns mit dem nächste Windhauch zusäuseln – There must be more!

Denn sie wollen auch noch in regelmässigen Abständen gewaschen, gebügelt und neu drapiert werden.

Meist sind sie aber auch einfach nur wundervoll praktisch. Sie lassen sich aufreissen, um das Haus mit Licht zu durchfluten. Sie schenken dem Popo, der aus dem Bad watschelt seine verdiente Privatsphäre.

In gewissen Momenten schenken sie einem auch angenehme Dunkelheit bei Migräne oder die intime Atmosphäre, die es für Zweisamkeit halt manchmal so braucht.

Mein Verhältnis zu Vorhängen ist durch und durch ambivalent, wie ich feststelle. Vorhänge sind auch Kindheitserinnerungen. Wir hatten welche mit Spitzen und kleinen eingewebten Häuschen an den Küchenfenstern. Als Kind dachte ich immer, dass diese Vorhänge extra für unser Haus hergestellt worden sind. Im Sommer wusch Mama die Vorhänge und der frische Duft des Stoffes hüllte das ganze Haus in eine herrliche Geborgenheitswolke.

Insgeheim wünsche ich uns allen, dass wir in unserem Leben fähig sind, an den richtigen Passagen Vorhänge zu öffnen, sie gar aufzureissen.

Oder aber den Mut sie sanft oder mit einem heftigen bösen „Ratsch“ wieder zu zuziehen. Ganz wie es beliebt.

Um es in den Worten eines Schriftstellers, der sicherlich viel mit Theatervorhängen zu tun hatte, zu sagen: Wie es euch gefällt!

Vorhang.

THE END

 

§45 · November 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


„she had bits of soul in everything. from her laugh to her tears and in a world of plastic smiles and corrugated feelings, you couldn´t help but feel it.“

„i get lost in you, but i don´t feel lost at all. I feel at ease and at HOME. and that ist why you are never really gone from me. you will always be that familiar STREET where a warm HOUSE waits.“

-JmStorm-

 

In Laufschritttempo gehe ich durch meine Strasse in Richtung Tramhaltestelle. Mein Blick schweift nach oben zu den Baumkronen, welche die wundervolle Querstrasse, eine wunderschöne Allee, zu meiner Heimatstrasse besäumen. Als ich vor einem halben Jahr neu durch dieses Quartier ging, mit so viel Neugierde in meinem Herzen, Kreativität in meinem Geiste, Mut in meiner Seele und ein Quäntchen Naivität in einem Schublädchen meines Solarplexus, trugen die Bäume noch schwere, kraftgeladene Knospen. Die Explosion der Blüten und Früchte stand ganz nahe bevor.

Nicht nur die Bäume trugen neue Wahrheiten und neues Leben in sich, auch ich hatte wortwörtlich meinen ersten eigenen Frühling in Angriff genommen.

Einen gefühlten Wimpernschlag später, streifen meine hohen schwarzen Schuhe mit ihrem klackernden Absatz bereits die ersten welken Blätter, durchstreifen ein Laubmeer aus Braun- und Gelbtönen, bahnen sich ihren altbekannten Weg zur Haltestelle. Nach einem ganzen halben Jahr…

Mein neuer marineblauer Umhang kokettiert mit meinem roten französischen Perret, rote Lippen, rote Nägel, kaum zu glauben, wie französisch ich mich fühle, in einer Schweizer Stadt. Der Herbst zieht auf und erhebt mahnend den Zeigefinger – bald ist es Zeit für Einkehr sowie innerliche Besinnung. Eine leise Aufforderung meines Verstandes, der sich Gehör zu verschaffen versucht, die kommenden Wintermonate als Chance zu nutzen, Projekte, Themen und Lebensgefühle brach zu legen.

Doch ich kann nicht brach liegen! Ich will nicht welken! Ich will nicht fallen! Ich will nicht stillstehen!

In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – ein Sprichwort, welches mich immer wieder dazu anhält, über Neubeginn, Veränderung und Endzeiten nachzudenken. Wo sich eine Tür schliesst, öffnet sich eine neue und in diesem ganzen halben Jahr, haben sich mir Türen und Tore geöffnet und wurden auch wieder vor meiner Nase zu geknallt, als wären Stopphalterungen an Türen noch Gegenstand und leise Vision eines Zukunftsentwickler – eben dieser Stopp-Türzuschlag-Halterungen.

Und nun in diesem Herbst, fühlt sich alles so sehr nach Frühling an – die Welt steht Kopf und die Zeit scheint still zu stehen. Was wäre, wenn wir die Jahreszeiten und den Jahresablauf umdrehen würden? Lasst uns die Zeiten neu definieren, Kreatoren werden, von neuen Abläufen und den Gehzeiten des Lebens entgegenwirken.

Mir kommt eine Frau mit Weinflasche entgegen, sie trägt weisse kurze Jogginghosen, dazu Turnschuhe und ein graues Kapuzenjäcklein. Wo ihr Weg sie wohl gerade hinführt an diesem sonnigen Sonntagabend? Vielleicht warten ein grünes Churry, von einem abgehetzten Fahrradkurier zugestellt und der obligate Tatort zu Hause auf sie?

Ein herunterwirbelndes Blatt verirrt sich auf meiner Schulter und streift dabei sanft meinen Nacken. Eine zarte Erinnerung daran, dass die Welt zu welken beginnt. Doch ich möchte nicht welken!

Ich möchte wirken – entgegen allem, was ich bereits glaubte zu wissen. Ich möchte den welkenden Blätter, dem kalten Windhauch, dem müden goldenen Herbstlicht entgegenwirken, mit einem überdimensionalen frühlingshaften Strahlen.

Ich gehe an einem geöffneten Fenster vorbei, feines Licht erhellt eine schöne Altbauwohnung, ein Mann in auberginefarbenem Hemd steht hinter der Glasscheibe und telefoniert wild gestikulierend. Ob er ein Geschäftstelefonat führt? Ob er bei der Annahme des Gesprächs seinen Nachnamen mit Nachdruck unbewusst geschäftlich hart betonte, so wie es eine meiner Freundinnen stets tut?

Ein ganzes halbes Jahr kann so viele Veränderungen in sich tragen – es wird Zeit, dass wir uns dessen bewusster werden. Also halten wir das langsamer werdende herbstliche Lebenskarussell dazu AN, geben ihm den nötigen Perpetum Mobile Anstups und lassen den Herbst in einen neuen Frühling transformieren. Was sind die neuen Ziele? Welche Gefühle wollen gelebt werden? Welches Laub darf noch nicht zu Boden fallen? Wo brauchen die persönlichen Frühlingsknospen noch Dünger, um diesen Herbst in voller Blüte stehen zu dürfen?

Kurz vor meiner Tramhaltestelle beobachte ich eine Dame, wie sie in einem hübschen Seidenkleid auf dem Gehsteig steht, ein Lächeln im Gesicht, wie es eigentlich nur an Frühlingstagen möglich ist. Sie wartet offensichtlich auf den Herrn in hellblauem Shirt, der vermeintlich nonchalant auf sie zu geht. Was wohl die Geschichte der Beiden sein mag, frage ich mich? Ich blicke zurück und sehe, wie er kurz vor ihr stehen bleibt und ihr ein Kompliment macht. Ihr Gesicht errötet, die Spannung in der Luft ist förmlich greifbar, auch für mich, als völlig Unbeteiligte an dieser Geschichte.

Beim Zurückblicken bin ich leicht von meinem Weg auf dem Trottoire abgekommen und kollidiere beinahe mit einem Fahrradfahrer. Das königsblaue Rad mit seinen eleganten caramelbraunen Lenkgriffen und dem gleichfarbenen Sattel, passen perfekt in dieses Herbstszenario. Hätte es einen Namen, dieses Rad, welcher wäre es denn?

Ich warte auf meine Tram. In einem Auto mir gegenüber, sitzen eine Frau und ein Mann, sie hören ganz laut Musik und durch den Fussgängerstreifen dazu gezwungen, anzuhalten, sehe ich, wie die beiden lachen und sich zu den Klängen von einem alten Rapsong überschwenglich bewegen. Autodisco im Herbst – auch Ausdruck eines neuen Frühlings? Die Szenerie erheitert mich jedenfalls. Wo wird dieser Kleinwagen sie wohl hinbringen? Werden sie das Abendessen in einem italienischen Restaurant einnehmen und er wird ihr den Stuhl an den Tisch rücken, nachdem sie sich gesetzt hat?

Die grüne Tram kommt vor der Kirche zum Stehen und ich drücke den roten Türknopf. Ein Mann mit schwarzem Cap steigt mit mir ein, sein Parfüm nimmt meine Sinne ein. Ein tiefer Duft, der wohl Lachen und Tränen gleichzeitig auslösen könnte, wenn ihn das richtige Gegenüber riecht. Er setzt sich auf die Querbank und winkt nach draussen. Mein Blick folgt seiner Geste und in der Ferne, neben der Kirche, kann ich eine Frauengestalt wahrnehmen, die seinen Gruss erwidert und danach schnellen Schrittes davongeht. Ein Abschied für immer? Sind deren Blätter bereits durch das Ökosystem zersetzt und zu neuer Erde transformiert? Oder entwachsen dieser Geschichte gerade erst feine Äste, an denen sich grünste Blätter der Hoffnung entfalten werden? Wer kann dies schon wissen? Ich schiebe alle diese Gedanken weg und blicke in meinen neuen frühlingshaften Herbst, lasse jegliche Angst und Bedenken hinter mir und schaue nach vorne, zum Himmel empor, der im goldenen Abendlicht mit seinen gelbgeküssten Wolken wohl gerade am Spielen ist – so wie wir es früher mit unserer Nintendo 64 gemacht haben…

 

§43 · Oktober 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


 

Wer kennt sie nicht, die Tage, an denen man unverwundbar zu sein scheint und das Leben perfekt vor sich hin plätschert? Morgens bereits gut aufgestanden, auf der Arbeit positive Rückmeldungen erhalten, draussen Sonnenschein und 25 Grad sowie die Aussicht auf ein herrliches Abendessen im Lieblingsrestaurant… Ich denke, solche Tage sind Glückstage – man muss sie wortwörtlich in sich aufsaugen, um sich an exakt diesen Glückserinnerungen zu laben, wenn es mal wieder – und dies soll vorkommen, nicht so rund läuft.

Nach Feierabend stieg ich in meinen geliebten Kleinwagen und brauste mit offenen Fenstern zur nächsten Autowaschanlage. Zugegeben die Musik in meinem Auto war etwas zu laut aufgedreht und ich sicherte mir bereits beim Einfahren auf die Waschstrasse, den einen oder anderen neugierigen Blick. Neben mir schrubbten vorwiegend Männer ihre SUV´s, mit einer Hingabe, für die es fast keine Worte gibt. Neben den BMW´s und dem einen Jaguar fiel mein Kleiner zwar etwas flach ab. Doch auch diese Tatsache untergrub meine gute Laune nicht. Ich stieg aus und fütterte den Automaten mit Kleingeld nachdem ich schwungvoll nochmals alle Türen kräftig zuschlug um eine Überschwemmung zu vermeiden. Hm? Was hätte ich denn heute gerne? Schonprogramm, Glanzprogamm, nur Spülgang? Ich drückte einen der Knöpfe und entnahm der Halterung die wassersprühende Lanze. Vielleicht sollte ich hier anmerken, dass in meinem Haushalt die Reinigung und Wartung der Autos jeweils Sache des Mannes im Haus war. Doch was der kann, kann ich schon lange, sagte ich mir selbstbewusst und aus naheliegenden Gutelaune-Gründen.

Ich lief dreimal um meinen Wagen herum und spülte ihn, ganz den Vorbildern links und rechts neben mir nachempfunden, hingebungsvoll. Der erste Spülgang war zu Ende und ich stellte fest, dass ich den nächsten Knopf am Automaten bedienen musste, um mit meinem Programm fortzufahren. Ich legte die Lanze neben meinen Wagen auf den Boden und schritt zur Tat. Mein Zeigefinger bediente die Taste Nummer 2 und ich konnte mit der Schaumbürste weiter zu Werke gehen. Dieser Teil geht recht in die Oberarme und ich konnte die Endorphine fühlen, wie sie durch meinen Körper strömten. Sport hätte ich heute also auch noch gemacht! Braves Mädchen! Grinsend zeigte ich den Jungs rund um den Platz, wie hoch ich auf meine Zehen stehen kann, um auch das Dach feinsäuberlich zu schrubben. Die Schaumbürste stoppte mit dem Schäumen. Zeit für Schritt Nummer 3. Ich verankerte die Bürste in ihrer Halterung und drückte frohen Mutes die nächste Taste…Der Anblick der sich mir nun bot, veranlasste meine Augen dazu sich aufzureissen und meine Hände schlugen sich automatisch vor meinen Mund. Die Wasserlanze aus Schritt Nummer 1 bäumte sich bedrohlich vor mir auf. Ich hatte sie auf dem Boden liegen gelassen und musste nun verzweifelt versuchen, ihrer wieder Herr zu werden. Leichter gesagt als getan! Ich rannte wie ein Kleinkind seinem Ball der Lanze hinterher. Die eiserne Stange schlug durch die Kraft des Wassers, welche ihr entwich gegen mein Auto, meinen Kopf, meine Oberarme und Waden. Ich konnte sie schlichtweg nicht ergreifen! Das Spektakel war meinen Waschnachbarn nicht entgangen und in kürzester Zeit hatte ich ein ungebetenes Publikum vor meiner Garage. Meine Chance des Zugreifens sah ich in dem Moment, als sich die Lanze für einen Augenblick auf den Boden legte. Ich fiel auf die Knie und versuchte sie unter Kontrolle zu bringen. Doch weit gefehlt! Der Wasserstrahl rutschte unter dem Kabinenschlitz durch zum Nachbar und vollführte dort einen weiteren Wassertanz sondergleichen. Ich war ratlos und schockiert, ob der gewaltigen Kraft dieser Anlage. Schwitzend und durchnässt hämmerte ich schliesslich hilflos auf den Stoppknopf, um diesem Alptraum ein Ende zu bereiten. Ich hörte noch, wie die Lanze beim Nachbarn auf den Boden prallte und endlich Ruhe gab. Vor Wasser triefend, erschlagen und sichtlich schlechter gelaunt wie zu Beginn, zog ich die gemeine Spritzpistole unter dem Kabinenschlitz hervor und steckte sie mit leichter Gewaltanwendung zurück an ihren Platz.

Als ich vom Platz fuhr, wechselte mein Ipod auf „Let it be“ von den Beatles und ich hielt es für besser, mich möglichst schnell den belustigten Blicken der Anwesenden zu entziehen. Seitdem meiden Yaris und ich die Waschanlage in Rheinfelden – aus naheliegenden Gründen…

§41 · Oktober 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


…diese seltenen Tage, an denen sich alle Strapazen der vergangenen Wochen scheinbar wie aus dem Nichts auflösen und du weisst: Alles ist wieder gut!

Diese Tage bescheren dir ein Gefühl der absoluten Freiheit. Einer Freiheit, welche in einem Himmelbett vor dir liegt und du dich darin herrlich herumwälzen kannst. Unbegrenzt!

Deine Wege der Wochen zuvor waren gepflastert von einem Diebstahl deiner Handtasche mit Geldbörse, in welcher sich wirklich jedes überlebensnotwendige Kärtchen befand. Sogar die Kärtchen deiner Freundin befanden sich noch darin, da (frau kennt es ja) es einfach SO praktisch ist, nur eine Handtasche dabei zu haben. Aber zu verlockend war halt die Vorstellung, ohne Jäckchen am Lords Of The Underground Konzert herumzuhüpfen, deshalb schnell mal weg mit dem Täschen und sich entblössen. Wohl einige Sekunden zu lang gedauert, die Entblössung…

Felsen eines Steinschlages säumten danach deinen Weg, da es schier unmöglich ist, ohne Kärtchen an Bargeld zu gelangen, geschweige denn ein neues Smartphone zu ergattern, denn dazu benötigst du eine Identitätskarte (oder du hast das wahnsinnige Glück, eine Mitarbeiterin sehr gut zu kennen, welche dir aus dieser Misere hilft).

Mitten in der Nacht findest du dich also wieder, in Bern… Ohne Geld, ohne Handy, ohne ID, ohne Identität – Sans-Papier deluxe. Yay. Hiphiphurra.

Strömende Sturzbäche erschweren dir zu dem deinen Weg, da dein Auto seit Wochen im Service auf seine vielen Operationen wartete und trotz der Reperaturen rattert dein Baby durch die MFK durch.

Somit hast du nun auch keinen Fahrzeugausweis bei dir, den du aber für die Bestellung eines neuen Führerausweises benötigen würdest. (Funny Fact: Bestell mal nen neuen Fahrzeugsausweis ohne ID… Du brauchst einen Neuen? Kein Stress! Die sind ganz lustig, die von der MFK… Kein Problem, komm einfach persönlich vorbei und bring deine ID mit! Hahaha. Selten so gelacht im Fall.)

Die Kluge reist im Zuge heisst es deshalb nun fortan, wäre da nur nicht das Problem mit dem fehlenden Halbtaxabo (neu Swisspass). In den Genuss dieses Passes kommst du natürlich nur in Begleitung mit einer ID. So steigst du zwar auf den Zug um auf deinem steinigen Weg (Xavier Naidoo ich huldige dir), fährst jedoch zum regulären Preis über die Bergpässe und dies nicht minder wackelig (und überteuert).

Doch auch die wohlverdiente Zigarettenpause auf dem maroden Bänklein auf deinem Wege wird dir verwehrt, da dir dein Einkauf von Zigaretten mit deinen 30 Jahren am Kiosk verunmöglicht wird, da du dich ja ohne ID nicht ausweisen kannst. (Ich weiss, ich weiss, eigentlich ein Kompliment mit 30 nicht wie 30 auszusehen, trotzdem – kann mal jemand das Lebenskarussell anhalten bitte?) Von nem lecka Bierchen ganz zu schweigen.

Selbstverständlich kommst du auf deinem steilen Pfad an einem Lazarett vorbei, wo du ausgerechnet deine Krankenkassenkarte vorweisen müsstest – auch hier chancenlos. Tschüss MRI. Ein andermal dann halt.

Auf den letzten paar Metern vor dem vermeintlichen Ziel, die Erklimmung des Gipfels scheint dir unmöglich, kommt dir der Gedanke, einen Lieblingssong zu hören. Er soll dich beflügeln und über die letzten Hürden tragen. Aber selbstverständlich ist deine Musikbibliothek auf deinem Gerät nun auch Geschichte, durch Kartensperrungen und neuem Smartphone. Deine jahrelang sorgfältig ausgewählten und gesammelten Songkollektionen rutschen einfach so in eine Felsspalte – auf Nimmerwiedersehen.

(Aufruf an alle Leser: Schickt mir euren Favoritesong!)

Doch dann, dann kommt der Tag, an dem dir im Ziel endlich deine neue ID ausgehändigt wird. Sie strahlt dich an, du hälst sie in die Höhe wie eine Trophäe. Dass du dich auf dem Foto zwar nicht wiedererkennst, ist ja zweitrangig, hauptsache Ripol ist damit zufrieden, gell…

Du darfst nun wieder offiziell das Land verlassen (und könntest nun am verpassten Polterweekend in Freiburg teilnehmen – leider drei Wochen zu spät. Autsch, das tat weh!) Auto fahren, kannst wieder Musik downloaden, dich ausweisen am Kiosk und im Spital wirst du wieder als Mensch behandelt.

Neue Rapkonzert können besucht werden, generell können wieder Konzerttickets gekauft werden, nun auch in charmanter Begleitung, welche frau wohl nicht kennen gelernt hätte, wäre es nicht zum Diebstahl gekommen (jaaa, alles hat auch sein Gutes…)

Alles, alles ist wieder gut!

Sogar deine Versicherung hat dir dein Geld des Verlustes überwiesen, eine Sitzung von Freitagabend wird abgesagt und die horenden MRI Kosten wurden auch abgedeckt.

Die Gewissheit, dass ohne die Hilfe deiner Freundinnen und Freunde, dich der Weg des Grauens mitten in der Nacht vor der Reithalle Bern, gnadenlos verschlungen und die Irrpfade des Lebens dich direkt in den Vorhof der Hölle geführt hätten, ist nun mehr als deutlich.

Deshalb:

Danke Mila

Danke Jolli

Danke Tim und Scream

Danke Jan

Danke Thomaso

Danke den bemühten Leuten der Halle

Und auch ein grosses Danke an die nicht direkt Beteiligten der Nacht:

Öfä, Nathi, Andie, Silvi, Laura, Frau H., Paps (keine Freundin 😉 ), Bettina und danke danke danke an alle, die ich noch vergessen habe!

Eine Frage bleibt trotzdem:

Warum muss dir zuerst alles genommen werden, bevor du erkennst, für was du alles bereits heute schon unendlich dankbar sein kannst?

Und passt verdammt nochmal auf eure ID auf!Hösch!

§37 · Juni 9, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


Dir erzählen…

Kennst du diese Tage, an denen du alle Erlebnisse der vergangenen Stunden, von aufwühlend-ereignisreich über unfassbar-komplex bis hin zu ultralustig, genau diesem einen Menschen erzählen willst?

Du bist auf dem Nachhauseweg, deine Gedanken springen Trampolin, deine Emotionen fahren Achterbahn, dein Bauchgefühl kann sich nicht entscheiden zwischen aufs Herz hören oder dem Kopf recht geben…

Dann kommt dir der Gedanke, dass du nun dies alles gleich und zwar sofortiger als sofort dem Menschen, dem Lieblingsmenschen deines Lebens, im allergenausten Detail alles preisgeben willst.

Für kurze Zehntelssekunden erscheint dir diese Option das Logischste und das Angenehmste, was es nun für dich, bei deiner Ankunft in deinem Zuhause, geben kann.

Doch dann, ganz plötzlich und auf einen Schlag, sehr hinterhältig und fies, kommt dir in den Sinn, dass es dieses Zuhause und diesen Menschen nicht mehr gibt. Einfach so.

Du kannst es diesem Menschen nicht erzählen. Nicht sofort, nicht heute, nicht morgen und auch sonst nie wieder.

Alsbald wird dir ganz schrecklich klar, dass zum Trampolin, der Achterbahn und dem Herz-Kopf-Gehustle nun auch noch der am Strick baumelnde miese Verräter „Trauer“ hinzukommt.

Die Trauer legt gerade ihren Kopf in die selbstgebundene Schlaufe eines Todestaues und steigt depressiv auf den Küchentisch, um die Lampenhalterung auf die Zuverlässigkeit einer guten und kurzweiligen Erhängungsmöglichkeit zu überprüfen (nein danke Tim Roth (und nicht nicht nicht Christoph Waltz!), es geht auch ohne dich, den Henker aus Hateful Eight, schliesslich ist frau emanzipiert, selbstbewusst und eigenständig).

Natürlich klopft dann irgendein Quäntchen Hoffnung (verfahren wir weiterhin in der Hateful Eight Metapher steht die Hoffnung wohl für Channing Tatum, ganz unten im Kellergeschoss mit geladener Knarre) trotzdem an die Hintertür deiner Seele, um kurz mal „Hallo“ zu sagen.

„Erzähls doch deinen Freunden, deiner besten Freundin, deiner Mutter, deinen Mitbewohnern oder im Notfall deinen Einhörnern, die sich ja sowieso nur gänzlich langweilen den lieben langen Tag über, gebettet auf deinen Himmelbettkissen.“

(Die Hoffnung wispert dir dies vielleicht gar mit einem kleinen Lächeln und vermeintlich erheiternd hochzuckenden Schultern zu…)

Aber nein. Du kannst es eben nicht IHM erzählen.

DEM Menschen.

Nach diesen Erkenntnissen fährt dann plötzlich das Trampolin Achterbahn und dein Herz baumelt am Strick, gänzlich kopflos.

Es waren die ewigen Stunden auf der Veranda, zu jeder Jahreszeit. Bei Regen oder gleissendem Sonnenlicht.

Es waren die Augenblicke jeder einzelnen Autofahrt mit Ankunft bis zum Ziel oder dem Scheitern vor der Zielerreichunge aufgrund eines leeren Tanks kurz vor dem Europaparkgelände.

Es waren die Momente an den einsamsten, wunderschönsten, unglaublichsten Orten auf dieser Welt.

Es waren die Zeiten, in denen man auf die Rückkehr des Anderen ungeduldig wartete und vor Sehnsucht kein Auge im einsamen Bett zumachen konnte.

Es waren die Wochen voller aufregender Planungen bevorstehender Projekte, erfüllt von tiefer Freude, Ausgelassenheit und tränenreichen Lachern.

Es waren die kleinen Ewigkeiten zwischen Möbelkauf, Besteckauswahl, Cheesnachosexperimenten in der Mikrowelle, Downloaderrors diverser Filme und Mitternachtsputzaktionen mit desolatem Staubsauger.

Alle diese Zeiten, woben ein Band der Innigkeit, knüpften ein Unikat einer Beziehung, schufen einen der tiefsten und klarsten Meeresböden des Vertrauens.

Those were the Days – dies wusste schon Mary Hopkins 1969. La la la la…

Das Bewusstsein darüber zu erlangen, dass in der Gewohnheit des Alltages, der Geist stets noch zu alten, längst vergangenen Mustern zurückgreift, ist einfach hässlich und zermürbend.

Dir erzählen…

Das würde ich nun so gerne tun. Es wäre mein Wunsch zur Nacht. Doch es ist nicht möglich.

Deshalb erzähle ich es dir…

Hoffnung – stirb! Und falls dir dies noch nicht gereicht hat, dann gibt’s halt noch nen „Channing Tatumliken“ Schuss in deine hübschen kleinen Eier.

Oder ich schreib nen Brief an Abraham Lincoln.

Ha!

 

§34 · Februar 24, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


Ein Erfahrungsbericht…

Da stehe ich also nun. Auf neuem mir noch unbekanntem Territorium. Neues Jahr, neues Glück, neue Geschäfte zum Ausprobieren. So mein Motto. Schliesslich ist noch Sale und frau auf der Suche nach den letzten Schnäppchen. Ich atme tief ein, nehme meinen neuen Mut 2016 aus meiner Seelentasche hervor und betrete den Laden. Das Geschäft ist eines jener Sorten, welche ich normalerweise sonst nie betrete. Der Boden ist ausgekleidet mit schwerem Teppich, die Kleider hängen adrett drapiert an ihren Kleiderbügeln und wehen in einem imaginären Wind vor sich hin. Es scheint, als wäre jedes Kleidungsstück einzeln mit einem Spot beleuchtet und die Stoffe wispern einem leise verführerisch zu: Kauf mich!

Schwere Parfümnoten schwängern die Luft, die Verkäuferinnen sind alle derart „en vogue“ gekleidet und geschminkt, als kämen sie direkt vom Laufsteg aus Mailand.

„Sucht die Dame etwas Bestimmtes?“ Diese aprupte Frage einer Angestellten, lässt mich aus meinen Tagträumereien, welche ich vorzugsweise gerade vor einem Regal mit federähnlichen bestickten Pullovern vollführe, aufschrecken. Sie: Typ Prada-Parfüm, Goldschmuck, Loubutins-Stiefelettchen und Seidenfoulard. Ich: Typ Nike Airmax, schwarze Jeans, Pferdeschwanz, ohne Make-Up. Ich drehe mich langsam zu ihr um und wir beäugen uns für gefühlte zehn Sekunden äusserst misstrauisch. Der Klassenunterschied ist ganz deutlich spürbar. Aber die Dame geht gewissenhaft ihrer Pflicht nach und möchte (muss) helfen.

„Ich schaue mich gerne einmal um“, höre ich mich sagen und schicke noch einen ladyliken „hmmhmm“ Räusper hinterher, da ich doch etwas zu kämpfen habe mit ihrer gespielten Höflichkeit.

„Mode für junge Damen wie Sie, finden Sie ansonsten auch eine Querstrasse weiter von hier.“ Aha! So ist das also. Ich lächle gekonnt und öffne unbeirrt zeitgleich einen zusammengefalteten Pullover mit meinen durchaus nicht so perfekt manikürierten roten Nägeln, wie der ihren.

Was für ein Schnäppchen! Statt für 199.- Franken ist dieser Fetzen Stoff nun nur noch für 179.- läppische Eier erschwingbar. „Haben Sie den auch in bordeauxrot?“, frage ich, viel mehr um die unangenehme Stille zwischen ihr und mir zu durchbrechen, als aus wirklichem Interesse. Ihre Nägel trommeln auf die Glasvitrine, hinter welcher sie steht und ihre Goldkettchen klimpern ebenfalls mit. „Nein meine Dame, es handelt sich hier um ein Einzelstück. Kundinnen, die des Öftern bei uns einkaufen, sind sich dessen bewusst.“ Boah, danke für nichts. Ich gäbe gerade alles um eine hochwertige Porzelantasse mit Tee und einem Gutsch Arsen drin. Agathe Christie, Miss Marple – ich bin in Gedanken ganz bei euch gerade.

Ein Stockwerk höher im Kaufhaus des Grauens, meinem selbstzusammengebrauten Alptraum, stehe ich dann etwas später in der Umkleide. Eingehüllt in eine Art Winterparka mit fake four. Das falsche Fell ist sorgfältig eingenäht und hält, bei Einhaltung der korrekten Reinigungsabfolge, jahrelang, wenn frau der Beschreibung auf dem Etikett Glauben schenken will. Eine andere Kundenberaterin hat sich derweilen an mich ran gepirscht und steht mit diebischem Bleechinglächeln vor meinem Garderobenvorhang. „Gefällt Ihnen das Modell? Darf ich Ihnen eine andere Grösse bringen?“ Ja genau. Darf sie das? Ich stehe vor dem Spiegel und fühle mich wie Leonardo Di Caprio in seinem neusten Film „The Revenant“. Nicht ohne mein Fell, hat sich der wohl gedacht und ich drehe und wende mich in dem grellen Licht und versuche herauszufinden, ob der Parka alltagstauglich ist oder die undefinierbare Farbe von Eierschalenlachsbeige meinem dunklen Sommertypen gerecht wird, oder eher nicht. Zudem wiegt die Jacke eine halbe Tonne, glücklicherweise habe ich nicht vor darin durch halb Alaska zu robben. Ich bin plötzlich sehr müde und die Hintergrundmusik des Geschäfts lässt mich schier erschauern. „Ja, bitte gerne eine Nummer kleiner.“, rufe ich durch den glänzenden Vorhang hindurch und stülpe mir die Kapuze des Parkas über. Hm, ja mit passender Frisur, könnte da echt noch eine Freundschaft entstehen zwischen mir und dem fake Parka. Um dreihundert Franken ist sie runtergesetzt – eigentlich wirklich ein Saleschnäppchen… Keine Minute später wird mir das gewünschte Modell durch den Vorhangspalt gereicht.

„Die Farbe steht Ihnen wirklich hervorragend und diese Grösse passt Ihnen wie angegossen.“, säuselt Madame Lügnerin gekonnt und ich schaue sie mit hochgezogener Braue an. Angegossen? Eher wie ein angeklatschter Fell-Kartoffelsack, geht es mir durch den Kopf. Wieso nur habe ich mich dazu überreden lassen, die Umkleide zu verlassen, um dieses Schauerspiel nun vor mehreren Spiegeln in freier Natur weiter zu führen? Ich höre die Dame schon in die Hände klatschen vor lauter Freude, mir einen derartigen schlechten Kauf aufgeschwatzt zu haben. Grummelig verziehe ich mich wieder in die Garderobe und murmle etwas von „…überlege es mir noch…“ und ziehe wieder meine alte aber heissgeliebte Lederjacke an.

Beladen mit den beiden schweren Parkas, verlasse ich die Umkleide und steuere auf die Kleiderständer zu, an welchen sich die Winterjacken zuvor befanden. Nein, solch schwere Felle hänge ich mir sicherlich nicht über. Etwas stolz über meine Entscheidungsfindung, dieses Kleidungsstück nicht zu erstehen, mache ich Halt vor dem Ständer und hebe die Bügel schwungvoll an die Stange. Schwungvoll!

Und es kommt wie es kommen muss – in Zeitlupentempo fällt der Ständer nach vorne und stürzt sich auf die anderen drei Kleiderständer, welche vor ihm stehen. Der Dominoeffekt ist unschlagbar und ich schaue dem Spektakel hilflos zu. Alle Jacken und Kleider fallen zu Boden, mit einem lauten Kabum schlittert die Metallstange des letzten Ständers gegen das Glas des Treppenhausgeländers. Die Sale-Plakate rutschen wie kleine Curlingsteine über den weissen Boden und ich würde gerne mal kurz Eisfischen gehen und im Erdboden versinken. Madame Chanel aus dem ersten Stock hält sich die Hände vor den Mund und Madame „Passt-wie-angegossen“ hält sich ergriffen an ihrem Seidenschal fest. Gerade als ich mich bücken will, um eine der vielen Jacken aufzuheben, entreisst mir eine dritte Verkäuferin das 469.- Franken Einzelstück und zischt säuerlich: „Lassen Sie dies bloss liegen. Wir machen DAS schon!“ Ihre beidhändige Wischgeste und ihre um Oktaven zu hohe Stimme, gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass „das“, wohl den Schaden auf dem frisch gebohnerten Boden meint, welchen ich gerade angerichtet habe. Spätestens jetzt hätte ich gerne die Courage von Julia Roberts, als diese in Pretty Woman auf dem Rodeo Drive mal der High-Society der Ach-so-besseren-Detailhandelsverkäuferinnen die Leviten liest. Aber die Julia Roberts Gene sind gerade in mir nicht abrufbar, deshalb entscheide ich mich für das klassische Fluchtverhalten und verlasse das Geschäft, einige undefinierbare Entschuldigungen stammelnd, schlagartig.

Draussen auf der Strasse dann die Erkenntnis des Tages: Nächstes Mal wieder Sale bei H&M. Da liegt sowieso schon alles auf dem Boden.

 

 

 

§30 · Januar 25, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


Sie kneift sich in die Wangen, das Blut strömt in ihr Gesicht. Hätte sie zuvor gewusst, dass sie danach drei Tage lang blaue Flecken davon tragen wird, hätte sie es gelassen. Aber frau will natürlich möglichst frisch wirken, mit einem Teint wie aus Ebenholz, Wangenrot wie Pfirsiche und Lippen so rot wie Blut. Märchengeschädigte Mädchen glauben eben noch an den Traumprinzen. Oder so. Der Zug kommt knatternd zum Stehen und alsbald steht sie verlassen auf Gleis 12 und von ihm – wie auch nicht anders zu erwarten war, keine Spur. Mit ausgestreckten Armen stehe er dann auf dem Bahnsteig, egal wann sie ankomme. Sie hätte es sogar schriftlich, für rechtliche Schritte, HA!

Zur selben Zeit steht er auf Gleis 16 und fragt sich, weshalb er das gerade tut, was er tut. Eifach öppis. Und dann noch aus Basel. Immerhin mag sie Glühwein, schiesst es ihm durch den Kopf und er drückt nochmals auf Shuffle bei seiner Zufallsmusikliste, welche er so gerne betätigt und als Alltagsorakel einsetzt.

Sie und er finden sich schliesslich trotzdem noch, abseits des berühmten Swarovski-Tannenbaums und beide sind belustigt, ob der dazu passenden Mobiliar-Schadensfall-Werbung. Kreative Köpfe, die von der Mobi.

Aus dem Hauptbahnhof raus durch die wohl „berühmteste Strasse“ von Zurigo, – so er. Sie so: LIFTMUSIK… Wo sind wir? Wohin gehen wir? Shit, sie könnte eigentlich bereits auf Toilette… Liftmusik…

Es folgen Brücken, Gebäude, Waisenhäuser und Gefängnisse. Hellbegeistert erzählt er ihr vom singenden Weihnachtsbaum, dem Schlittschüehndle und der kalten Lucy. Sie gehen im Eiltempo und Madame kommt der Gedanke auf, dass sie wohl besser Wanderschuhe montiert hätte, statt der Turnschuhe. Gerne würde sie mal stehen bleiben und ihn von vorne lange ansehen. Das Nebeneinandergehen und sich seitlich verstohlene Blicke zuwerfen ist anstrengend und ihr Faible in einen Laternenpfahl zu rattern nicht so unwahrscheinlich, wie ihre Lebenserfahrung ihr schon des Öftern aufgezeigt hatte (in Gedenken an die heissgeliebte Sonnenbrille, welche damals zu Bruche ging, als SIE ihm beim Öffnen ihres Discmans (!), stolz die neue CD präsentieren wollte).

Endlich! Glühwein! Sitzen auf Fellen unter einer Balustrade aus Holz. Wildromantisch, heimelig die Architektur und ihr Gegenüber erzählt von Bullen, Flucht und Verhaftung. Aha, sooo einer also. War ja klar. NACH DEM Heiratsantrag per Whats App ist VOR DEM Mandat und dem Kripo-Verhör… Sie nimmt kräftige Schlucke und schaut ihm in die Augen. Oder waren es die Lippen? Sie muss wohl heftig hin und her gezuckt haben mit den Augen, geht es ihr nachträglich durch den Kopf.

Immerhin ist es ihm nicht ganz entgangen, dass sie bereits etwas schlottert und er schlägt vor, ins Warme zu gehen. Erleichterung macht sich breit, schliesslich hatte sie ihr schulterfreies Shirt (für das es gopferdammi eigentlich einfach doch zu kalt ist) nicht umsonst montiert. Sie steht auf schultfrei. Sexy aber nicht billig. Männer mögen nämlich gar keinen Ausschnitt. Sie mögen die Andeutung von „Was steckt da wohl noch drunter?“. Osterhasenpädagogik. True!

Niederdörfchen, Saftladen, Milchbar, Cabaret Voltaire, schrecklicher Sneakerstore, Süskindparfümerie… Er hofft inständig, sie möge kein Geschäft betreten. Shopping is heute nicht. So auf gar keinen Fall. Sie weiss natürlich, dass er das nicht will und deshalb geht sie an den für sie neuen Shops gleichgültig vorbei und würdigt sie keines Blickes.

Der Abend legt sich wie ein Schleier langsam aber sanftmütig über die schöne Stadt, mit ihren abertausenden Schicksalen und Geschichten. Die Beiden marschieren mit Fussgänger-GPS in die Hotzenstrasse. (Hotzenplotz läuft übrigens jeden Mittwochnachmittag im Kindertheater – für alle Märchen- und Geschichtengeschädigten weiblichen Leserinnen hier ).

Sie wollen eine Wohnung besichtigen, doch seine Stimmung ist plötzlich auf dem Nullpunkt. Sie hat kalt. Kolleg Essig, der eigentlich mit sollte an die spontane Wohnungsbesichtigung ist bei der Haarentfernung (man glaubt es kaum). Bei der Haaaaaarentfernung. Seine Stimmung ist unter dem Nullpunkt, sie wartet auf die ersten gefrorenen Schneekristalle, die aus seinem wohlgeformten Mund herausflöckeln. Er will nicht alleine besichtigen, sie drängt ihn. Fehler. Es steht ihr ja auch nicht zu. Beide drehen wieder um, Madame ist beleidigt. Sie weiss auch nicht genau weshalb. Er hätte sie ja mindestens beim Warten am Gartenzaun endlich mal zu sich ziehen können. Einfach eine SIE frieren lassen, ist jetzt nicht gerade sehr Don-Juan-mässig.

Sie besichtigen dann trotzdem, drehen also wieder um. Im Treppenhaus dann die Überraschung: Zur Wohnung gehört ein direkter Zugang zur Dachterrasse. Nachdem sie bereits den vom Nachbarn stecken gelassenen Schlüssel im Flur drehen und ihn somit einsperren wollte, dreht sie dann komplett ab, als sie ihm zu verstehen gibt, dass die dunkle Treppe hoch zur Dachterrasse ja eigentlich noch nett für ein Quickie wäre. Ein bisschen lustig findet er diese gewagte Idee dann eben doch. Erleichterung bei ihr.

Sein schwarzer Humor, seine Ironie begeistern sie. Sein gespieltes Desinteresse an ihr macht ihn umso interessanter für sie… Trotzdem taugt die Wohnung nichts. Kopfschüttelnd und alle Negationen der ex-potentiellen (nicht zu verwechseln mit exponentiellem Wachstum in mathematischer Hinsicht) Wohnung aufzählend, verlassen sie die Hotzenstrasse.

Danach geht’s in ein Lebensmittelfachgeschäft. Bestaunung der am Knochen gereiften Rindfleischrinder. Frau will es natürlich genau wissen, er will eigentlich nur endlich essen. Nach einem Vortrag des Fleischfachverkäufers über Milchsäurebakterien, die das Fleisch, so knochengereift wie es ist, dann hochwertiger werden lassen, verlassen die Beiden im Hinblick auf leckeres Essen dann recht heiter das Geschäft.

Die Überraschung dann in seiner Wohnung! Es riecht einfach verdammt lecker nach Vanille (ist also nicht sein Eigenduft, wie frau darauf schlussfolgert) und nach verschmutzten Pfannen, dreckigen Socken und WC-Rollen neben seinem Bett, sucht ihr geschulter Blick vergeblich.

Der Rotwein mundet, das Fleisch gart nieder im Ofen, er erzählt staunend seinen Freunden über diese ihre Fähigkeit, Fleisch anzubraten und es dann im Ofen fertig köcheln zu lassen. Aber sie ist ja schliesslich auch ein Ofen. HA!

Sie ist einwenig stolz, wie sie per Dampfabzuglampe, mit zwei Rechaudkerzen und adrett gefalteten MC Donaldsservietten ein Ambiente eines Fünfsterne-Lokals hingezaubert hatte und er glaubt zuerst noch, sein Mitbewohner, sei dafür verantwortlich zu machen. Ernsthaft? Echt jetzt???

Dann kommt es, wie es kommen muss. Er küsst sie lange, innig und ausgiebig am Herd. Glücklicherweise hat sie kurze Füsse – passend für Frauen, die am Herd stehen müssen. Da gehören Frauen ja auch hin (IRONIE Feministinnen!). Seine Küsse sind aus Samt, schmecken nach Regentropfen, die ans Fenster prasseln, nach Luftpolsterfolie, frischem Kaffee, sind bordeauxrot und ersetzen jedes Dessert in Form eines Vermicellebechers. Wirklich.

Dazwischen packt er sie leidenschaftlich an den Haaren, beisst ihr in den Hals und in jede andere Körperstelle, wirft sie hin und her in den Laken und hält ihr Gesicht in seinen Händen. Ihr Haare verheddern sich in seinen ledernen Armbändern, er zieht sie auf sich , neben sich und an sich und Vanilleduft benebelt ihre Sinne.

Rauchpause. Weiter trinken. Flasche die Zweite.

Um einen Kollateralschaden mit ihr und seinen in der Küche anwesenden Freunden und ihrem bloss mit Spitzenstrümpfen bestrumpften Po zu vermeiden, schickt er sie dann ins Zimmer. Sie erschrickt ob seiner klaren Ansage. Sie zittert innerlich ein wenig. Ihr rotweingeschädigter Kopf kann nicht mehr klar denken. Schön, dass er für sie mitdenkt. Denkt sie noch. Oder denkt sie, was denkt sich DER eigentlich? Kopfweh. Müdigkeit. Aber irgendwie trotzdem alles sehr wohlig und angenehm.

Als sie in der Nacht erwacht, liegt sein Arm um ihren Körper. So daneben war sie dann wohl zum Glück doch nicht. Erleichtertes Weiterschlafen ihrerseits.

Nach dem Sex am Morgen, legt er sich schnaufend neben sie. Es war ein Kraftakt, ein nimmer enden wollender Ritt, mal wild mal langsam. Heiss und kalt. Dunkel und hell. Sie hatte es gemocht. Diese beiden Seiten an ihm – unbezahlbar. Auch nicht mit VISA.

„Alles okay bei dir?“, fragt er lächelnd. Sie lächelt zurück. Oh ja. Schwer okay sogar. Er legt seinen Arm um sie.

Im Märchen wäre hier jetzt das Happy End. Und sie lebten glücklich und zufrieden bis das BLABLABLA… Welche bekloppte jungfräuliche Jungfer hat sich diese Storys wohl ausgedacht? Oder waren es wohl doch die Gebrüder Grimm? Die hätten sich wirklich grimmigere Dinge ausmalen können. Oder soll man sagen – realitätsnähere?

Zwei Minuten später zieht er seine Beine an – und schiebt sie dann mit seinen Füssen aus seinem Bett. Untermalt mit den Worten „Und jetzt verpiss dich“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Am Vorabend hatte er ihr dummerweise erzählt, dass er so mit seinen One-Night-Stands verfährt, wenn er sie endlich loswerden will.)

Sie hockt sich auf die Bettkante und sieht das Bügelbrett. Wäre da jetzt das Bügeleisen, würde sie ihn damit erschlagen. Notwehr – damit käme sie locker durch. Dank der vielen grünen Bissspuren, die sich bereits wie ätzende Geflechte über ihren sonst so hellen Körper legen, hätte sie sogar Beweise. Bissspuren, so bittersüss sie in der Nacht auch waren, können so bitterböse am nächsten Morgen erscheinen.

Sie könnte heulen und wimmern, toben und fluchen. Aber innerlich zittert es nur. Scheiss auf: „Zuneigung geht durch den Magen.“ Wäre doch bloss noch am knochengereiften Rindfleisch ein Knochen dringesteckt. Hätte der sich dran verschlucken können  und sie genüsslich rotweinsüffelnd zusehen. (Notwehr wäre hier wohl dann nicht mehr so locker abgekauft worden von der Kripo?) Ihre Gedanken überschlagen sich beim hastigen Anziehen. Nur nicht heulen, denkt sie sich.

Er ruft auf den Flur hinaus : „Den Jogurt kannst du aber schon noch essen!“. Oha. Was kümmert ihn nun noch ihre zuvor angedeutete Unterzuckerung?

Die Küche sieht miserabel aus. Das Nichthoniglas liegt zersplittert auf dem Boden. Hat die Session auf dem Küchentisch zwischen ihr und ihm nicht durchgestanden. Normalerweise würde sie nun lächeln, jetzt könnte sie schreien.

Trotz allen abstrusen Gedanken, will sie ihn noch einmal küssen. Ein wohl letztes Mal. Sie zieht ihn zu sich heran und küsst ihn. Leider schmecken seine Küsse immer noch samtig, vanillig, bordeauxrot und regentropfenprasselig. So ein verdammter Mist aber auch!

Im Zug zurück in ihre Stadt, macht sich dann Dumpfheit in ihr breit (vielleicht auch etwas DuMMheit, da sie alle Geschehnisse immer und immer wiederkehrend rekapituliert). WIESO mit den Füssen aus dem Bett geschoben werden? Kann sich frau ja direkt unter den Zug werfen, ne…

Und dann plingt ihr Handy. Und die zwei roten Quadrate, welche mit zwei Minusstrichen voneinander getrennt sind und seinen Namen in der Mitte umgeben, blinken auf. Sie kann nicht anders – sie beginnt endlich zu lächeln und hört auf zu denken.

Und die Ironie der Geschicht`? Ironie verträgt sich mit Ironie nicht nicht…

 

 

§28 · Januar 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


In Tagen wie diesen besinnt sich frau, was das vergangene Jahr an Früchten und Schimmelpilzen so allerhand feil bot.

In den Gesprächen mit den besten und engsten Freunden (und zu diesen tiefsinnigen und gesprächslastigen Momenten kam es in letzter Zeit aufgrund der Feiertage häufig) wurde klar: schlimmer geht immer… Eigentlich gibt es für die Monate im 2015 nur einen Ausdruck: Sie waren schlicht massiv! Eskalation pur auf jeder Ebene!

 

Nachdem ich nun endlich meinem frechen Auto, die ihm längst zustehende Sonderbehandlung gönnte (Behängung mit Vanille-Duftbäumchen, Getränkehalter auffüllen mit wohlriechendem Potpourri, aussaugen mit Staubsauger „deluxe“ und abspritzen mit der mir nicht schon immer so wohlgesinnten Wasserlanze „hardcore“) fuhr ich mit The Bee Gee´s im Radio zurück in die Stadt. Alle Erlebnisse, die mir in letzter Zeit zu Ohren kamen, tanzten wie verrückt durch mein Oberstübchen.

 

Da gab es G. aus B., welche mit ihrem Prinzen nach etlichen Dates mit Racletteabend bei Kerzenschein, Rotweintrinkerein in der Badewanne, Klamottenkaufereien, afterpartydurchzechten Nächten und viel Netgeflixereien feststellen musste, dass der werte Einhornreiter gleich mehrfach jagend durch die Wälder flitzte. So in dieser Konstellation für eine junge Frau aus dem 21. Jahrhundert nichts aussergewöhnliches (jaaa ja liebe Mamis, Gottis, Tantis und schockiert blickenden älteren Damen) und somit locker zu überwinden. Wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass der vermeintliche Traumprinz am letzten Date, der G. aus B. noch seine selbstgekochte Bolognaisesauce zum Abschmecken darreichte. G. brachte leidenschaftlich ihr gesamtes Know-How mit ein (Zucker!) um sich dann Stunden später beim Kaffee, nach vielen Küssen und häufigem Kniegetätschel anhören zu müssen: „Oh ich muss los! In einer halben Stunde kommt mein Date vorbei und ich hoffe, dass ihr meine Sauce schmeckt. Du weisst ja, Sharing is caring! Tschüss!“… Adieu!!!

 

Oder S. aus L., welche sich in den heissen Sommertagen unsterblich in einen Wirt verliebte. Sie schwärmte unglaublich stark für ihn und sah sich schon mit dem Wirtenpatent unter dem Arm, mit vielen süssen Babys im gemeinsamen Gault Millau preisgekrönten Hotel stehen. Wie haben wir doch hinter ihrem Rücken unsere Köpfe geschüttelt und gehofft, dass sie sich von dieser Schnapsidee bald wieder verabschieden möge. Doch S. aus L. blieb hartnäckig (die Hitze ist nachträglich an allem Übel schuld) und blinzelte dem Herrn verliebt entgegen. Wer nichts wird, wird Wirt – oder halt eben einfach ein Unhold der Gefühle mit Füssen oder in unserem Fall mit Kochlöffeln tritt (haut?). Nach der Affäre, die nach Aussagen von S. sehr leidenschaftlich und hingebungsvoll verlaufen sei, meldete sich der Wirt nie wieder. NIE WIEDER. Auf keine SMS, auf keinen ihrer versuchten Anrufe, keine Reaktion auch auf das Rücksenden seiner Ray Ban Sonnenbrille. Tränen, Tränen, Tränen (auch ohne Zwiebeln zu schneiden), begleitet von gebrochenem Herzen an einer Sauce  von schlechter Laune und „das Leben hat keinen Sinn mehr“ – Garnitur. Vorbei… Zwei Monate später dann die Nachspeise in Form einer SMS. „Liebe S. aus L. Es ist nicht so, dass ich dich dumm fände oder dergleichen. Ich habe mich einfach in eine andere Frau verliebt. Alles Gute!“

Ja… Bon App!

 

Oder da gab es M. aus Z. Diese lernte IHN an einem Konzert kennen. Bereits eine Stunde später wollte dieser um ihre Hand anhalten und sie war bekannt mit seinen dreissig anwesenden Kumpels. Geduldig wie er war, gab es bereits nach zwei Stunden den ersten Kuss, zu dem die Kollegen freudig applaudierten. Sie habe sich wie im Himmel gefühlt, erzählte damals eine verklärt dreinblickende M. aus Z. und strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht.

Das nächste Treffen fand bereits am nächsten Wochenende statt und sollte, wie der erste Abend, wieder feucht-fröhlich enden (zumindest für den einen Teil der Beiden).

Nach dem Begrüssungskuss die Frage aller Fragen: „Kannst du mir bitte 100.- Stutz leihen und eine Flasche Vodka kaufen gehen?“. M. aus Z. war irritiert. Handelte es sich hier nicht um ein Date? Doch liebestrunken wie sie war, marschierte die Dame zum nächsten Geldomat und Drinks oft the World Shop, um das Gewünschte ihrem Angebeteten zu reichen. Nun, vielleicht würde er ja nun mit dem Vodka coole Drinks aus fancy Plastikbechern aus seinem Rucksack zaubern. Frau kann nie wissen! Das Date hätte spätestens hier noch eine angenehme Wendung nehmen können, doch statt den Abend mit M. aus Z. zu geniessen, schleppte er sie vor einen Club und eröffnete ihr freudestrahlend beim Türe aufhalten (romantisch!), dass sie nun beide als Überraschung an die Geburtstagsparty einer seiner dreissig Freunde gehen würden. Alle Gedanken an nette Gespräche und traute Zweisamkeit verabschiedeten sich schleunigst und M. aus Z. trottete ihm lustlos hinterher. Zwei Stunden später kannte sie jeden aber wirklich auch JEDEN der anwesenden Gäste, von ihrem Date oder gar ihrem bezahlten Vodka fehlte jedoch plötzlich jede Spur. Zum Glück wurde M. von ihrer Freundin O. abgeholt, welche ihr die Nase putzen half und sie in ihr Bett brachte.

 

Ich bin mir nicht ganz sicher ob die folgende Geschichte noch zumutbar ist, es juckt mich jedoch in den Fingerspitzen, die nachfolgende Begebenheit für alle Nachkommen schriftlich festzuhalten.

 

Nach dem Einhornjäger, dem Wirt und dem Vodka-Geld-Schnorrer, gab es da noch jenen mit dem „kleinen“ Problem.

N. aus S. war da auf einer Party gelandet und wollte eigentlich nur noch nach Hause, Trainer, Chips und gutes Buch. Aber wie es halt so ist, laufen einem genau an diesen Abenden dann doch noch interessante Menschen über den Weg. Obwohl N. aus S. keinerlei Interesse am männlichen Geschlecht kund tat – und genau dies spürt diese Spezies, dessen bin ich mir ganz sicher, wurde sie andauernd angesprochen. Leicht genervt, da sie jeweils ihr intensives Gespräch mit ihrer Freundin unterbrechen musste, liess sie sich dann doch auf einen „Öppis mit öppis“-Drink von einem Fremden einladen. Der Drink schmeckte lecker und der Unbekannte hatte Humor, schöne Lippen und roch ausserordentlich gut („Sich gut riechen können“ – Nummer 1 Punkt auf der Must-Have-List der N. aus S.)

Man verabschiedete sich Stunden später volltrunken und aufgeregt Nummern tauschend.

Am anderen Tag bemerkte N. dank dem Anzeigebild von Whats App, dass der Gutriechende wohl bereits in einer Beziehung steckte. Sie machte nicht lang Fäderläsis und fragte ihn direkt danach. Ja, dem sei so, die unverblümte Antwort. Nun gut, der Schaden war ja noch bescheiden. Ausser den drei obligaten Abschiedsküssen war nichts geschehen. N. aus S. löschte seine Nummer und wandte sich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zu (Affenbabys retten, dritte Säule starten, Ölwechsel an ihrem Wagen vornehmen).

Zwei Wochen später meldete sich der Mister wieder bei N. Er brauche dringend jemanden zum Reden. Dringender als dringend. Nur sie können ihn wohl verstehen. N. war kurz misstrauisch, aber ihr grosses Herz konnte den armen Tropf nicht einfach hängen lassen. So traf man sich auf Kaffee bei ihr in der Küche. Nach langem Smalltalk (Bigtalk wäre hier wohl der bessere Ausdruck), kam der Gute dann langsam zur Sache.

Seit zwei Jahren in einer Beziehung, immer glücklich, alles gut. Doch nun die Krux an der Geschichte. Er hatte seit drei ewig erscheinenden Monaten keinen Höhepunkt mehr. Mit ihr. Unmöglich. Rien ne va plus!

Öhm, nun gut. Was er ihr damit denn sagen wolle, fragte N. aus S. mit hochgezogener Braue nach (und dies kann sie ausserordentlich gut!). Nun er habe sich gedacht, da ihm N. seit der Party nicht mehr aus dem Kopf gehe und er jeden Tag nur noch an sie denke, dass sie ihm bei seinem kleinen Problem behilflich sein könnte.

Die Augenbraue von N. rutschte nochmals gefühlte fünf Zentimeter höher. Sie verstehe nicht ganz? Ob er denn schon mit ihr darüber geredet habe? Oder ob er sich wünsche, dass N. mit ihr darüber spreche? Die Verwirrung von N. war gross. Sie kam schlicht nicht dahinter.

Nein, nein, reden könne er natürlich selber, tat er missbilligend ihr Angebot ab. Aber ihn beschleiche langsam die Angst, dass er nie wieder kommen könne…

N. lächelte etwas abschätzig und meinte geringfügig, dass er sich darüber wohl nicht allzu grosse Gedanken machen müsse. Mr. Gutriecher beugte sich über den Tisch und stütze sich leicht mit den Unterarmen auf der Tischplatte ab. Sie verstehe wohl nicht, meinte er mit Nachdruck, er wolle sie fragen, ob sie nicht bei ihm feststellen könne, ob bei ihm noch alles „intakt“ sei. Er würde es gerne einmal mit N. probieren…

Hätte N. ihre Mimik nicht stets perfekt im Griff gehabt, hätte es durchaus sein können, dass sie ihm ihre Augenbrauen in sein Gesicht geschleudert hätte. Sie entschied sich jedoch für den bereits kalten Kaffee, untermalt mit den Worten, dass es sich hier um ihr zu Hause und nicht um ein Bordell handle und er unbedingt Land gewinnen solle, bevor sie seine Freundin über seine unverschämte Forderung in Kenntnis setzen würde.

 

Gerne würde ich an dieser Stelle schreiben, dass jegliche oben erwähnten Anekdoten frei erfunden sind, doch dem ist leider nicht so.

Denn sie (die Typen) wissen nicht, was sie tun.

Sie machen einfach irgendwas.

Eifachd öppis.

Eifach so.

Zum Glück sind diese Tatsachen nicht alle der gleichen Lady widerfahren. Das Leben achtet ja schon darauf, dass sich solche Miseren gut auf die Frauenwelt verteilen. Ansonsten müsste man diese wohl nun in der Abteilung für Verrückte/ Herzgeschädigte in einer Klinik besuchen gehen.

Aber dieses Jahr mit seinen zwölf neuen unbefleckten Monaten wird anders.

Versprochen! 🙂

 

Mylena Fortune

 

 

 

§25 · Januar 4, 2016 · Allgemein · (No comments) ·