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Wo ein Witz stirbt, wird ein neuer geboren

Eine Abhandlung über die wirkliche Wahrheit des Singleseins im Jahre 2015.

Von Mylena Fortune

Spätestens seit Julia Engelmans Durchbruch mit ihrem Poetry-Slam „One Day Baby…“ im Jahre 2013 und den Social Media Beiträgen zum Thema „Live Life The Real Way“ (besser jemanden in Echt treffen, denn sich stundenlang per Smartphone über eine Distanz von gefühlten 500 Metern zu unterhalten) hat nachfolgende Abhandlung eigentlich keinerlei Wichtigkeit mehr. Dennoch. Das Bedürfnis, die Sonderheiten von jungen Menschen einer Stadt und ihrem sozialen Verhalten zu sammeln (jegliche Übereinstimmungen zu realen Leben sind rein zufällig und willkürlich gewählt) und ungefiltert widerzugeben, besteht bei der Verfasserin dennoch.

Früher (die Verfasserin spricht von einer Zeit vor ungefähr 8-9 Jahren zuvor), galten Freitage als Krönungen der Woche. Dies ist allseits bekannt, auch heute noch brandaktuell, sofern man und frau einem Berufsleben von Montag bis Freitag nachgeht.

Heute beginnt der „kleine Freitag“ am Donnerstagabend und besteht aus „Party-Safari“ (besser bekannt als „Partyhopping“ – Generation Y will sich ja bekanntlich nicht festlegen, ansonsten könnten Verpflichtungsgefühl aufkommen, die unschön einengen und wie gesagt – verpflichtend wirken könnten) mit „vorglühen“. Dies vorzugsweise mit Vodi-Apfelsaft (Moscow Mule wäre zu aufwendig in seiner Mischform und selbstverständlich zu teuer, da die wichtige Zutat Fever Tree Ginger Beer im oberen Preissegment angesiedelt ist). Das Smartphone liegt auf dem Tisch neben seinen anderen sieben Gefährten, einmal gross, einmal kleiner, einmal mit Hülle aus Samt, einmal mit versplittertem Display und die restlichen Aufmerksamkeitsschlucker sterben bald den allseits gefürchteten Akkkutod. Facebook schickt die obligaten Veranstaltungserinnerungen: Mylena Fortune, nicht vergessen! Du nimmst heute an 4 Veranstaltungen teil. Alle gleichzeitig getimet, alle nicht wirklich lukrativ, dennoch – das Image muss ja stimmen, die Frau als beschäftigt, gefragt und beliebt gelten. Bevor die angezeigten Veranstaltungshinweise mit den anderen Vorglühern durchgesehen werden, besteht die eigens entwickelte „Pflicht“, die Facebook-Erinnerungen, welche ebenfalls neuerdings angezeigt werden, zu „screenshoten“ und erneut zu posten und zu teilen („Hey schau mal, vor drei Jahren war´s wirklich so lustig dort im Keller, mit den Unbekannten, die wir nie wieder trafen und mit denen wir dennoch sooo tiefgründige Gespräche hatten.“).

NACH dem Vorglühen ist VOR der Party-Safari. Wenn der undenkbare Fall eintreffen sollte, dass geklärt werden kann, wo es nun hingehen soll (multipliziert man die jeweiligen vier vorgeschlagenen Veranstaltungshinweise mit den sieben anderen Vodi-Apfelsaft-Trinkern auf dem Balkon, kommt man nach Adam Riese auf 28 Ideen, wie der Donnerstagabend sinnvoll genutzt werden kann). Ziemlich sicher hat dann irgendjemand die glorreiche Idee, noch zwei bis drei andere Freunde mit einzubeziehen (grundsätzlich ist daran nichts Verwerfliches zu finden), was die weitere Gestaltung des Abends jedoch erheblich erschwert. Man wechselt zum Medium „Whats App“. Alle stöhnen darüber, wie gefragt sie sind, in welchen tausend Gruppenchats sie sich aufhalten und sie sich gleich morgen löschen lassen werden. Alle reden davon, keiner tut es. Es bestehen gewisse Ähnlichkeiten zu den Credos aller Weltverbesserer, die ab morgen oder spätestens ab dem 1. Januar des neuen Jahres mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport treiben, kein Fleisch mehr essen, endlich die Säule 3a starten, für den Tierschutz einzahlen, das nächste Abstimmungswochenende nicht verpassen und öfters die Oma im Altersheim besuchen gehen wollen. Normal. Sofern dann endlich die erste Location des Abends auserkoren wurde, schickt man erstmals kleine Zeichen, wie die nachfolgenden: „^^“ an alle Kontakte los. Sehr ambitionierte, fleissige Schreiberlinge ergänzen diese Nachricht gegebenenfalls noch mit einem „dayum – gut löifts“ (neudeutschen Hipsterslang, so viel wie „damn“/ „verdammt“). Es grenzt eigentlich an ein Wunder, dass sich die Singles, Hipster, DnB-Liebhaber (Drum and Bass), die Leggings-Hochkrämplerinnen (welche in zehn Jahren an einer neuen Sehnenscheiden-Entzündungskrankheit der Fussknöchel leiden werden, dessen ist sich die Verfasserin sicher), DJ´s und Möchtegern-Partyveranstalter, Rapper, Sängerinnen und Flohmigänger tatsächlich draussen auf der Strasse begegnen und in einen echten sozialen Austausch kommen. Dennoch. Es passiert tatsächlich. Irgendwo läuft (diesmal ohne „öi“) irgendwo ein Beat, ein Drum oder eine Barmaid, den oder die man halt kennt, vorbei. Der Abend scheint gerettet. Für die Begrüssung ankommender Freunde und Bekannt bleibt keine Zeit, denn die Smartphones plingen um die Wette. Zuerst mal alles abchecken, es könnte ja um die Ecke noch was Besseres abgehen. DANGER! Man könnte ja etwas verpassen. So antwortet man halt auf die im Banner angezeigten 10 Whats App-Nachrichten, auf die Frage hin: „Wir hatten doch vor drei Stunden abgemacht. Wo bist du?“ mit: „Chill di Läbe, d´Nacht isch no jung!“. Wer als Frau dann etwas auf sich hält, speichert den Herrn neu ab unter „Don´t answer him“ (antworte ihm nicht mehr) oder löscht ihn komplett aus dem Handyspeicher. Falls es frau dann doch noch in den Fingerspitzen jucken sollte, läge noch ein „WTF“ drinnen (diese Abkürzung sollte selbsterklärend sein, andererseits muss hier festgehalten werden, dass eine Übersetzung dieser drei Buchstaben nicht jugendfrei wäre). Vorzugsweise ergänzt frau die Nachricht noch mit dem Emoticon Smiley mit den weitaufgerissenen Augen (falls Sie, liebe Leserschaft dieses Smiley noch nie erhalten haben, gratuliert Ihnen die Verfasserin herzlich –Sie gehören einer vom Aussterben bedrohten Spezies an, was bald schon wieder als „hip“ gelten wird).

Bislang könnte der Abend sowie das Wochenende noch vielsprechend werden, wohlgemerkt, es ist ja erst Donnerstagabend! Die Ersten beginnen sich nun in Diskussionen rund um neue Erkrankungen bei zu häufigem Marihuanakonsum und dem Beizensterben der Stadt, zu verstricken. Will man den Nörglern Glauben schenken, müssen sie „morgen wieder früh raus…“. Deshalb verabschieden sie sich hastig, natürlich per Kopfnicken gen die Gruppe. Bloss keine Emotionen zeigen, sich nicht outen, egal in welche Richtung. Das höchste der Gefühle ist ein High-Five-Klatsch und weg ist die Person. Frau wird das Gefühl nicht ganz los, dass Facebook bloss einen weiteren Veranstaltungshinweis losschickte, um den Beginn des realen Gespräches direkt im Keim zu ersticken.

Für die übriggebliebenen Gauner und Ganovinnen beginnt nun der eigentliche Stress des Abends. Einige stehen auf der Guestliste des Clubs, vor dem man die letzten zwei Stunden gestanden und auf dem Smartphone rumgedöggelt hat. Dies sind die privilegierten Personen des kleinen Freitages. Personen, die es auf die Guestlist schaffen, haben Beziehungen zu den angesagtesten DJ´s der Stadt. Denn DJ`s dürfen ihre Freunde auf die Guestlist machen. Einlass auf 100 Pro und zurück. Auch wenn die Frisur nicht stimmt oder das Shirt vom kleinen Donnerstag (Mittwochnacht) noch nach „Mir stösst´s gleich sauer auf, hattest du mal wieder Verdauungsprobleme?“ stinkt. Dann gibt es noch die „Friendslist“. Aufmerksame Leserinnen und Leser können es sich bereits denken – Friendslist, ist etwas für die weniger Privilegierten. Sie gelten als Freunde, sind es natürlich jedoch nicht, bezahlen aber immerhin einen geringeren Eintrittspreis, als die ganz listenfreien, Unprivilegierten. Auch hier, Zweiklassensystem, Kastensystem, Rassimus auf neuem Niveau. Falls man sich auf keiner der beiden Listen wähnt, ist man wohl so klug genug, den kleinen Freitag gar nicht erst mit Privilegierten zu zelebrieren. Falls doch, müsste man sich spätestens jetzt für die Option „Coop-Pronto-Gang“ entscheiden, dort eine Dose Bier (Mist, Club Mate gibt’s dort noch nicht!) kaufen und sich mit dem Rheinufer, statt des ultrahippen, berlinstylemässigen neuen Club´s zufrieden zu geben. Dort kann man dann auch wieder „…planlos vor dem Smartphone hängen“, wie es Julia Engelman so treffend in ihrem Poetry-Slam nennt. Während man trotz Guest- und Friendsliste in der Warteschlange steht, bleibt doch tatsächlich Zeit für reale Konversation. So wird geklatscht und getratscht wie früher. Frau erfährt Dinge, die ebenfalls mit Listen zu tun haben. Anscheinend ist es äusserst praktisch, sich als vielbeschäftigte Rendez-Vous-Gängerin eine Liste anzulegen. Dies ist grundsätzlich nichts Neues, hatten ja schon die Dandys der 20er Jahre. Diese kleinen schwarzen Notizbücher mit den verbotenen Namen, die zu noch verboteren Tages- und Nachtzeiten eingetragen wurden. Montags Peggy Marie Sue, Mittwochs Lucille, Freitags Sally Lou und danach noch Ginger Ale Haley, oder so. Die Listen, so wird frau aufgeklärt, seien durchaus praktisch. Denn so bringe man die Geburtsdaten, die Berufe und Studiengänge sowie die jeweiligen Vorlieben des Dates (Veggie, Vegan, Low-Carb, No-Carb…) weniger oft durcheinander.

Wiederum eine der Damen, die vor dem obengenannten Club in der Schlange steht, vermisst seit Stunden eine Bestätigungs-SMS ihres neuen Listenanwärters für das seit Tagen vorher vage vereinbarte Date am Freitag. Sein Handy wurde sicherlich von Ausserirdischen entführt, dieser Tatsache ist sie sich sicher, deshalb wählt sie sorgfältig und nachsichtig die Worte in ihrer sechsten, noch von ihm unbeantworteten, Nachricht. Vielleicht wurden die anderen fünf SMSen ja nicht erhalten!? Steckengeblieben in der Milchstrasse aufgrund eines Trafficjams mit dem rückwärtsgehenden Merkur. Oder so. Selbe Zeit anderer Ort…Irgendwo Nähe DJ-Pult befindet sich der Empfänger der mittlerweilen siebten Nachricht, der in der Schlange stehenden Dame. Akku ist bei ihm nicht mehr vorhanden, zu viele Gruppenchattätigkeiten haben ihm den Gar ausgemacht. Also kann er ihr halt erst am anderen Tag, die bereits angedeutete Verabredung bestätigen.

Freitags dann die Ernüchterung. Punkt 20 Uhr, zu dieser Zeit hätte das Treffen bereits invollem Gange sein sollen, aber frau „chillt mal ihr Leben, denn der Herr hatte bestimmt vielum die Ohren!“. Zusammenfassend steht in der langersehnten Mitteilung des Herrn, dass er sich entschuldigen möchte, sein Verhalten gestern im Club ihr gegenüber sei alles andere als angebracht gewesen (wohlgemerkt, die Dame war in einer Warteschlange und nicht am selben Ort, wie der Schreiber). Er sei noch verwundert darüber, dass sie trotzdem noch im selben Club auftauchte, obwohl er dachte, sie sei auf einer Guestlist eines anderen Lokales. Trotzdem frage er sich, weshalb die Dame auch nach dem dritten Anlauf von ihm, sich so abweisend verhalten habe. Er verstehe die Welt nicht mehr. Aber egal, Life suck´s und „Amore, für wann haben wir uns heute Abend schon wieder verabredet?“ Genau! Nun dürfen Sie, liebe Leserschaft, die Augen weit aufreissen. Hier handelt es sich um eine neu entstehende und sehr populäre Spezies, die erstens, Damen auf hohem Niveau versetzt, zweitens, Opfer eines verstrickten Verwechslungsattentats wurden (die Dame, die so abweisend reagiert hatte, war eine fremde Frau und nicht sein künftiges Rendez-Vous) und drittens, dies auch noch unverblühmt dem eigentlichen Date des aktuellen Abends kundtut. Natürlich ist der Sündenbock auch für diesen Fall schnell gefunden. Da Orange neuerdings „Salt“ heisst, sind seine zehn Nachrichten der Nacht, bei der Dame, dem eigentlichen Date, nicht angekommen. Macht ja nur Sinn, dass hier die Telekommunikationsgesellschaft für den Verwechslungs-ich-melde-mich-nicht-Fall verantwortlich gemacht wird. Aber meine lieben Leserinnen, es gibt einen feinen Silberstreifen am Hoffnungshorizont! Bislang sind der Verfasserin keine Meldungen bekannt, dass Swisscom oder Sunrise ihre Namen wechseln wollen. Dies deutet wohl darauf hin, dass immerhin alle männlichen Kunden dieser zweier Gesellschaften noch die Möglichkeit besitzen, sich fristgerecht, fair und höflich für ein bevorstehendes Date, abzumelden. Immer noch besser, als der versetzten Dame zu erklären, dass sie in der Nacht zuvor verwechselt wurde. Somit erledigen sich auch alle Listenfragen des Abends, dieser ist sowieso gelaufen. So verabschiedet man sich von den anderen, die bald dem angesagten DJ im schwarzen Loch huldigen werden (alle werden bald in Reih und Glied hin zum DJ-Pult stehen und mit dem Kopf nicken. Paartanzt wird generell überwertet und als überflüssige Interaktion mit einem interessanten Gegenüber verstanden.)

Aber jedem Ende wohnt ja auch immer ein Anfang inne, oder wo ein Witz stirbt, wird ein neuer geboren. Das ist das Schöne am Singlesein im Jahre 2015. Für Frust und das Gefühl von Ablehnung bleibt generell eh keine Zeit. Schliesslich kann frau sich auf dem Nachhauseweg noch mit einem der erhaltenen Soundcloud-Links aufpäppeln. Diese sollen, so der Sender unmissverständlich „auf dem Nachhauseweg“ gehört werden, da es für das Verständnis dieser komplexen Musikrichtung (Laien würden es wohl Boom-Boom nennen) eine bestimmte melancholische Stimmung braucht. In der Hoffnung, nun tröstende Klänge hören zu dürfen, wird schnell klar, gleicher Witz – anderer Kerl. Aber auch Witzbolde sind halt nur Menschen.

10.Mai 2015

 

 

 

 

§9 · Mai 12, 2015 · Allgemein · (1 comment) ·


1 Comment to “Über Vorglüher, Smartphones und Witzbolde…”

  1. Hanna sagt:

    Mein Gott! Was für ein Stress! Zum Glück bin ich alt und kanns gemüüüüütlich nehmen.

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