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„all the world´s stage, and all the men and women merely players; they have their exits and their entrances; and one man in his time plays many parts, his acts being seven ages.“

-as you like it by william shakespeare-

„we can only burn on forever when we let go. flames die behind closed curtains.“

– inspired by erin van vuren-

 

Neulich durfte ich einer ambitionierten jungen Theatergruppe, zu welcher ich mich glücklicherweise dazu zählen darf, beim Proben auf der Bühne zusehen. Dabei wurde natürlich zuerst der Vorhang aufgezogen. Die Halle ist dunkel, das letzte Räuspern der Menschenmenge verhallt, die Schauspieler atmen nochmals tief durch – und los geht’s… Dieser schwere dunkelblaue Samtvorhang spielt schon sehr lange eine bedeutende Rolle in meinem Leben und ich bemerke, wie ein Lächeln über mein Gesicht streift, als ich in den Erinnerungen zu schwelgen beginne. Vorhänge, die zu früh gezogen wurden, Vorhänge, die zum Glück wohlweislich nach einem Fehler gezogen wurden, Vorhänge die mit Elvis Mikrophonständer in meiner Hand undurchdringbar waren, da die Stoffmasse den Ausgang nicht preisgaben…

Aber es gibt ja auch die sogenannten normalen Vorhänge. Die, die du vielleicht schon lange kaufen möchtest, oder auf jeden Fall deiner Mutter bei jedem Besuch lächelnd erklärst: Vorhänge muss ich halt noch besorgen! (Das Selbe gilt im Übrigen auch für Lampen…)

Ein Blick von meinem Balkon verrät: Die Vorhänge meiner Nachbarn sind entweder hässlich, zu durchsichtig oder nicht vorhanden. Dabei wäre es wirklich ratsam, nun in den dunklen Wintermonaten die Fenster damit zu bekleiden.

Meine Vorhänge sind eines: Nämlich ganz gewiss zu lang! Ihre defizitäre Länge habe ich lange als Manko betrachtet, bis ich mich dazu entschloss, diesen Ist-Zustand zu meinem Vorteil umzumünzen. So kam es, dass hinter meinen meterlangen Vorhängen, stilbewusst in goldbeige-weiss, nun Stauraum entstand für so Einiges, was andere Menschen wohl in ihrem Keller oder ihrem Einbauschrank aufbewahren. Da Zweiteres bei mir nicht vorhanden ist, wird die Stoffbahn, die Wohnraum und Fensterfront getrennt voneinander vereint, nun zum Vorhangschrank. Ha! Wie clever!

Etwas stolz wischte ich mir den Schweiss von der Stirn, als ich erfolgreich Staubsauger, Gästematratze, Yogamatte, eine Überdosis an Handtaschen und ungeliebte aber bequeme Schuhe, dahinter verstaut hatte.

Muss frau ja dann auch nicht saugen dahinter – nein nein keinesfalls.

Der neue Vorhangschrank war dann auch Auslöser für eine kleine Panikattacke, verursacht durch Spinnenviecher (und nein ich bin nicht der Typ Frau, welche bei solch einem Notfall ihren oder einen Freund kontaktiert) da ich kurz glaubte, meinen Staubsauger in geistiger Umnachtung in mein Kellerabteil gestellt zu haben.

Unten angekommen, fand ich zwar keinen Staubsauger, stellte jedoch fest, dass jemand in mein Kellerabteil eingebrochen war. Danke für Nichts. Danke für die nie wiederkehrende verlorene Zeit auf dem Polizeiposten und der Staatsanwaltschaft zwecks Anzeige. Aber dies ist eine andere Geschichte, die ich vielleicht sonst einmal erzählen mag…

Wir ziehen ständig Vorhänge in unserem Leben. Abends nach einem anstrengenden Tag – ratsch. Morgens, vor einem vielsprechenden Tag – rutsch.

Manchmal ziehen wir einen Vorhang während Begegnungen mit anderen Menschen um uns abzugrenzen. Oder wir lüften ihn spielerisch einen kleinen Spalt, damit jemand Neues, einen Blick dahinter erhaschen kann.

Oft stellen wir auch fest, dass ein bestimmter Mensch gerade im Begriff ist, einen Teil seines Seelenvorhanges zu zuziehen, da in ihm sonst zu vielEmotionen ausgelöst werden könnten.

Ab und an zerren wir hilflos an unseren Vorhängen und würden uns wünsche, dass sie in der Einhängschiene besser Schlitten fahren würden.

In der Bibel reisst auch schon mal ein Vorhang in der Mitte auseinander, bei so ganz grossen epischen Ereignissen halt und ich behaupte zu wissen, dass bei unzähligen Omas Tonnen von Vorhangstoffen im „Buffet“ vor sich hin modern.

Vorhänge sind anstrengend. Ich finde sie anstrengend. Vielleicht auch nur die Tatsache, dass ich nicht die Musse verspüre, sie mit Metermass und Nadeln im Mund abzustecken und unter das Füsschen meiner nichtvorhandenen Berninanmaschine zu jäten.

Vorhänge wollen mehr. Fast so als würden sie uns mit dem nächste Windhauch zusäuseln – There must be more!

Denn sie wollen auch noch in regelmässigen Abständen gewaschen, gebügelt und neu drapiert werden.

Meist sind sie aber auch einfach nur wundervoll praktisch. Sie lassen sich aufreissen, um das Haus mit Licht zu durchfluten. Sie schenken dem Popo, der aus dem Bad watschelt seine verdiente Privatsphäre.

In gewissen Momenten schenken sie einem auch angenehme Dunkelheit bei Migräne oder die intime Atmosphäre, die es für Zweisamkeit halt manchmal so braucht.

Mein Verhältnis zu Vorhängen ist durch und durch ambivalent, wie ich feststelle. Vorhänge sind auch Kindheitserinnerungen. Wir hatten welche mit Spitzen und kleinen eingewebten Häuschen an den Küchenfenstern. Als Kind dachte ich immer, dass diese Vorhänge extra für unser Haus hergestellt worden sind. Im Sommer wusch Mama die Vorhänge und der frische Duft des Stoffes hüllte das ganze Haus in eine herrliche Geborgenheitswolke.

Insgeheim wünsche ich uns allen, dass wir in unserem Leben fähig sind, an den richtigen Passagen Vorhänge zu öffnen, sie gar aufzureissen.

Oder aber den Mut sie sanft oder mit einem heftigen bösen „Ratsch“ wieder zu zuziehen. Ganz wie es beliebt.

Um es in den Worten eines Schriftstellers, der sicherlich viel mit Theatervorhängen zu tun hatte, zu sagen: Wie es euch gefällt!

Vorhang.

THE END

 

§45 · November 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


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