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Dir erzählen…

Kennst du diese Tage, an denen du alle Erlebnisse der vergangenen Stunden, von aufwühlend-ereignisreich über unfassbar-komplex bis hin zu ultralustig, genau diesem einen Menschen erzählen willst?

Du bist auf dem Nachhauseweg, deine Gedanken springen Trampolin, deine Emotionen fahren Achterbahn, dein Bauchgefühl kann sich nicht entscheiden zwischen aufs Herz hören oder dem Kopf recht geben…

Dann kommt dir der Gedanke, dass du nun dies alles gleich und zwar sofortiger als sofort dem Menschen, dem Lieblingsmenschen deines Lebens, im allergenausten Detail alles preisgeben willst.

Für kurze Zehntelssekunden erscheint dir diese Option das Logischste und das Angenehmste, was es nun für dich, bei deiner Ankunft in deinem Zuhause, geben kann.

Doch dann, ganz plötzlich und auf einen Schlag, sehr hinterhältig und fies, kommt dir in den Sinn, dass es dieses Zuhause und diesen Menschen nicht mehr gibt. Einfach so.

Du kannst es diesem Menschen nicht erzählen. Nicht sofort, nicht heute, nicht morgen und auch sonst nie wieder.

Alsbald wird dir ganz schrecklich klar, dass zum Trampolin, der Achterbahn und dem Herz-Kopf-Gehustle nun auch noch der am Strick baumelnde miese Verräter „Trauer“ hinzukommt.

Die Trauer legt gerade ihren Kopf in die selbstgebundene Schlaufe eines Todestaues und steigt depressiv auf den Küchentisch, um die Lampenhalterung auf die Zuverlässigkeit einer guten und kurzweiligen Erhängungsmöglichkeit zu überprüfen (nein danke Tim Roth (und nicht nicht nicht Christoph Waltz!), es geht auch ohne dich, den Henker aus Hateful Eight, schliesslich ist frau emanzipiert, selbstbewusst und eigenständig).

Natürlich klopft dann irgendein Quäntchen Hoffnung (verfahren wir weiterhin in der Hateful Eight Metapher steht die Hoffnung wohl für Channing Tatum, ganz unten im Kellergeschoss mit geladener Knarre) trotzdem an die Hintertür deiner Seele, um kurz mal „Hallo“ zu sagen.

„Erzähls doch deinen Freunden, deiner besten Freundin, deiner Mutter, deinen Mitbewohnern oder im Notfall deinen Einhörnern, die sich ja sowieso nur gänzlich langweilen den lieben langen Tag über, gebettet auf deinen Himmelbettkissen.“

(Die Hoffnung wispert dir dies vielleicht gar mit einem kleinen Lächeln und vermeintlich erheiternd hochzuckenden Schultern zu…)

Aber nein. Du kannst es eben nicht IHM erzählen.

DEM Menschen.

Nach diesen Erkenntnissen fährt dann plötzlich das Trampolin Achterbahn und dein Herz baumelt am Strick, gänzlich kopflos.

Es waren die ewigen Stunden auf der Veranda, zu jeder Jahreszeit. Bei Regen oder gleissendem Sonnenlicht.

Es waren die Augenblicke jeder einzelnen Autofahrt mit Ankunft bis zum Ziel oder dem Scheitern vor der Zielerreichunge aufgrund eines leeren Tanks kurz vor dem Europaparkgelände.

Es waren die Momente an den einsamsten, wunderschönsten, unglaublichsten Orten auf dieser Welt.

Es waren die Zeiten, in denen man auf die Rückkehr des Anderen ungeduldig wartete und vor Sehnsucht kein Auge im einsamen Bett zumachen konnte.

Es waren die Wochen voller aufregender Planungen bevorstehender Projekte, erfüllt von tiefer Freude, Ausgelassenheit und tränenreichen Lachern.

Es waren die kleinen Ewigkeiten zwischen Möbelkauf, Besteckauswahl, Cheesnachosexperimenten in der Mikrowelle, Downloaderrors diverser Filme und Mitternachtsputzaktionen mit desolatem Staubsauger.

Alle diese Zeiten, woben ein Band der Innigkeit, knüpften ein Unikat einer Beziehung, schufen einen der tiefsten und klarsten Meeresböden des Vertrauens.

Those were the Days – dies wusste schon Mary Hopkins 1969. La la la la…

Das Bewusstsein darüber zu erlangen, dass in der Gewohnheit des Alltages, der Geist stets noch zu alten, längst vergangenen Mustern zurückgreift, ist einfach hässlich und zermürbend.

Dir erzählen…

Das würde ich nun so gerne tun. Es wäre mein Wunsch zur Nacht. Doch es ist nicht möglich.

Deshalb erzähle ich es dir…

Hoffnung – stirb! Und falls dir dies noch nicht gereicht hat, dann gibt’s halt noch nen „Channing Tatumliken“ Schuss in deine hübschen kleinen Eier.

Oder ich schreib nen Brief an Abraham Lincoln.

Ha!

 

§34 · Februar 24, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


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