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Ein Erfahrungsbericht…

Da stehe ich also nun. Auf neuem mir noch unbekanntem Territorium. Neues Jahr, neues Glück, neue Geschäfte zum Ausprobieren. So mein Motto. Schliesslich ist noch Sale und frau auf der Suche nach den letzten Schnäppchen. Ich atme tief ein, nehme meinen neuen Mut 2016 aus meiner Seelentasche hervor und betrete den Laden. Das Geschäft ist eines jener Sorten, welche ich normalerweise sonst nie betrete. Der Boden ist ausgekleidet mit schwerem Teppich, die Kleider hängen adrett drapiert an ihren Kleiderbügeln und wehen in einem imaginären Wind vor sich hin. Es scheint, als wäre jedes Kleidungsstück einzeln mit einem Spot beleuchtet und die Stoffe wispern einem leise verführerisch zu: Kauf mich!

Schwere Parfümnoten schwängern die Luft, die Verkäuferinnen sind alle derart „en vogue“ gekleidet und geschminkt, als kämen sie direkt vom Laufsteg aus Mailand.

„Sucht die Dame etwas Bestimmtes?“ Diese aprupte Frage einer Angestellten, lässt mich aus meinen Tagträumereien, welche ich vorzugsweise gerade vor einem Regal mit federähnlichen bestickten Pullovern vollführe, aufschrecken. Sie: Typ Prada-Parfüm, Goldschmuck, Loubutins-Stiefelettchen und Seidenfoulard. Ich: Typ Nike Airmax, schwarze Jeans, Pferdeschwanz, ohne Make-Up. Ich drehe mich langsam zu ihr um und wir beäugen uns für gefühlte zehn Sekunden äusserst misstrauisch. Der Klassenunterschied ist ganz deutlich spürbar. Aber die Dame geht gewissenhaft ihrer Pflicht nach und möchte (muss) helfen.

„Ich schaue mich gerne einmal um“, höre ich mich sagen und schicke noch einen ladyliken „hmmhmm“ Räusper hinterher, da ich doch etwas zu kämpfen habe mit ihrer gespielten Höflichkeit.

„Mode für junge Damen wie Sie, finden Sie ansonsten auch eine Querstrasse weiter von hier.“ Aha! So ist das also. Ich lächle gekonnt und öffne unbeirrt zeitgleich einen zusammengefalteten Pullover mit meinen durchaus nicht so perfekt manikürierten roten Nägeln, wie der ihren.

Was für ein Schnäppchen! Statt für 199.- Franken ist dieser Fetzen Stoff nun nur noch für 179.- läppische Eier erschwingbar. „Haben Sie den auch in bordeauxrot?“, frage ich, viel mehr um die unangenehme Stille zwischen ihr und mir zu durchbrechen, als aus wirklichem Interesse. Ihre Nägel trommeln auf die Glasvitrine, hinter welcher sie steht und ihre Goldkettchen klimpern ebenfalls mit. „Nein meine Dame, es handelt sich hier um ein Einzelstück. Kundinnen, die des Öftern bei uns einkaufen, sind sich dessen bewusst.“ Boah, danke für nichts. Ich gäbe gerade alles um eine hochwertige Porzelantasse mit Tee und einem Gutsch Arsen drin. Agathe Christie, Miss Marple – ich bin in Gedanken ganz bei euch gerade.

Ein Stockwerk höher im Kaufhaus des Grauens, meinem selbstzusammengebrauten Alptraum, stehe ich dann etwas später in der Umkleide. Eingehüllt in eine Art Winterparka mit fake four. Das falsche Fell ist sorgfältig eingenäht und hält, bei Einhaltung der korrekten Reinigungsabfolge, jahrelang, wenn frau der Beschreibung auf dem Etikett Glauben schenken will. Eine andere Kundenberaterin hat sich derweilen an mich ran gepirscht und steht mit diebischem Bleechinglächeln vor meinem Garderobenvorhang. „Gefällt Ihnen das Modell? Darf ich Ihnen eine andere Grösse bringen?“ Ja genau. Darf sie das? Ich stehe vor dem Spiegel und fühle mich wie Leonardo Di Caprio in seinem neusten Film „The Revenant“. Nicht ohne mein Fell, hat sich der wohl gedacht und ich drehe und wende mich in dem grellen Licht und versuche herauszufinden, ob der Parka alltagstauglich ist oder die undefinierbare Farbe von Eierschalenlachsbeige meinem dunklen Sommertypen gerecht wird, oder eher nicht. Zudem wiegt die Jacke eine halbe Tonne, glücklicherweise habe ich nicht vor darin durch halb Alaska zu robben. Ich bin plötzlich sehr müde und die Hintergrundmusik des Geschäfts lässt mich schier erschauern. „Ja, bitte gerne eine Nummer kleiner.“, rufe ich durch den glänzenden Vorhang hindurch und stülpe mir die Kapuze des Parkas über. Hm, ja mit passender Frisur, könnte da echt noch eine Freundschaft entstehen zwischen mir und dem fake Parka. Um dreihundert Franken ist sie runtergesetzt – eigentlich wirklich ein Saleschnäppchen… Keine Minute später wird mir das gewünschte Modell durch den Vorhangspalt gereicht.

„Die Farbe steht Ihnen wirklich hervorragend und diese Grösse passt Ihnen wie angegossen.“, säuselt Madame Lügnerin gekonnt und ich schaue sie mit hochgezogener Braue an. Angegossen? Eher wie ein angeklatschter Fell-Kartoffelsack, geht es mir durch den Kopf. Wieso nur habe ich mich dazu überreden lassen, die Umkleide zu verlassen, um dieses Schauerspiel nun vor mehreren Spiegeln in freier Natur weiter zu führen? Ich höre die Dame schon in die Hände klatschen vor lauter Freude, mir einen derartigen schlechten Kauf aufgeschwatzt zu haben. Grummelig verziehe ich mich wieder in die Garderobe und murmle etwas von „…überlege es mir noch…“ und ziehe wieder meine alte aber heissgeliebte Lederjacke an.

Beladen mit den beiden schweren Parkas, verlasse ich die Umkleide und steuere auf die Kleiderständer zu, an welchen sich die Winterjacken zuvor befanden. Nein, solch schwere Felle hänge ich mir sicherlich nicht über. Etwas stolz über meine Entscheidungsfindung, dieses Kleidungsstück nicht zu erstehen, mache ich Halt vor dem Ständer und hebe die Bügel schwungvoll an die Stange. Schwungvoll!

Und es kommt wie es kommen muss – in Zeitlupentempo fällt der Ständer nach vorne und stürzt sich auf die anderen drei Kleiderständer, welche vor ihm stehen. Der Dominoeffekt ist unschlagbar und ich schaue dem Spektakel hilflos zu. Alle Jacken und Kleider fallen zu Boden, mit einem lauten Kabum schlittert die Metallstange des letzten Ständers gegen das Glas des Treppenhausgeländers. Die Sale-Plakate rutschen wie kleine Curlingsteine über den weissen Boden und ich würde gerne mal kurz Eisfischen gehen und im Erdboden versinken. Madame Chanel aus dem ersten Stock hält sich die Hände vor den Mund und Madame „Passt-wie-angegossen“ hält sich ergriffen an ihrem Seidenschal fest. Gerade als ich mich bücken will, um eine der vielen Jacken aufzuheben, entreisst mir eine dritte Verkäuferin das 469.- Franken Einzelstück und zischt säuerlich: „Lassen Sie dies bloss liegen. Wir machen DAS schon!“ Ihre beidhändige Wischgeste und ihre um Oktaven zu hohe Stimme, gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass „das“, wohl den Schaden auf dem frisch gebohnerten Boden meint, welchen ich gerade angerichtet habe. Spätestens jetzt hätte ich gerne die Courage von Julia Roberts, als diese in Pretty Woman auf dem Rodeo Drive mal der High-Society der Ach-so-besseren-Detailhandelsverkäuferinnen die Leviten liest. Aber die Julia Roberts Gene sind gerade in mir nicht abrufbar, deshalb entscheide ich mich für das klassische Fluchtverhalten und verlasse das Geschäft, einige undefinierbare Entschuldigungen stammelnd, schlagartig.

Draussen auf der Strasse dann die Erkenntnis des Tages: Nächstes Mal wieder Sale bei H&M. Da liegt sowieso schon alles auf dem Boden.

 

 

 

§30 · Januar 25, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


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