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Sie kneift sich in die Wangen, das Blut strömt in ihr Gesicht. Hätte sie zuvor gewusst, dass sie danach drei Tage lang blaue Flecken davon tragen wird, hätte sie es gelassen. Aber frau will natürlich möglichst frisch wirken, mit einem Teint wie aus Ebenholz, Wangenrot wie Pfirsiche und Lippen so rot wie Blut. Märchengeschädigte Mädchen glauben eben noch an den Traumprinzen. Oder so. Der Zug kommt knatternd zum Stehen und alsbald steht sie verlassen auf Gleis 12 und von ihm – wie auch nicht anders zu erwarten war, keine Spur. Mit ausgestreckten Armen stehe er dann auf dem Bahnsteig, egal wann sie ankomme. Sie hätte es sogar schriftlich, für rechtliche Schritte, HA!

Zur selben Zeit steht er auf Gleis 16 und fragt sich, weshalb er das gerade tut, was er tut. Eifach öppis. Und dann noch aus Basel. Immerhin mag sie Glühwein, schiesst es ihm durch den Kopf und er drückt nochmals auf Shuffle bei seiner Zufallsmusikliste, welche er so gerne betätigt und als Alltagsorakel einsetzt.

Sie und er finden sich schliesslich trotzdem noch, abseits des berühmten Swarovski-Tannenbaums und beide sind belustigt, ob der dazu passenden Mobiliar-Schadensfall-Werbung. Kreative Köpfe, die von der Mobi.

Aus dem Hauptbahnhof raus durch die wohl „berühmteste Strasse“ von Zurigo, – so er. Sie so: LIFTMUSIK… Wo sind wir? Wohin gehen wir? Shit, sie könnte eigentlich bereits auf Toilette… Liftmusik…

Es folgen Brücken, Gebäude, Waisenhäuser und Gefängnisse. Hellbegeistert erzählt er ihr vom singenden Weihnachtsbaum, dem Schlittschüehndle und der kalten Lucy. Sie gehen im Eiltempo und Madame kommt der Gedanke auf, dass sie wohl besser Wanderschuhe montiert hätte, statt der Turnschuhe. Gerne würde sie mal stehen bleiben und ihn von vorne lange ansehen. Das Nebeneinandergehen und sich seitlich verstohlene Blicke zuwerfen ist anstrengend und ihr Faible in einen Laternenpfahl zu rattern nicht so unwahrscheinlich, wie ihre Lebenserfahrung ihr schon des Öftern aufgezeigt hatte (in Gedenken an die heissgeliebte Sonnenbrille, welche damals zu Bruche ging, als SIE ihm beim Öffnen ihres Discmans (!), stolz die neue CD präsentieren wollte).

Endlich! Glühwein! Sitzen auf Fellen unter einer Balustrade aus Holz. Wildromantisch, heimelig die Architektur und ihr Gegenüber erzählt von Bullen, Flucht und Verhaftung. Aha, sooo einer also. War ja klar. NACH DEM Heiratsantrag per Whats App ist VOR DEM Mandat und dem Kripo-Verhör… Sie nimmt kräftige Schlucke und schaut ihm in die Augen. Oder waren es die Lippen? Sie muss wohl heftig hin und her gezuckt haben mit den Augen, geht es ihr nachträglich durch den Kopf.

Immerhin ist es ihm nicht ganz entgangen, dass sie bereits etwas schlottert und er schlägt vor, ins Warme zu gehen. Erleichterung macht sich breit, schliesslich hatte sie ihr schulterfreies Shirt (für das es gopferdammi eigentlich einfach doch zu kalt ist) nicht umsonst montiert. Sie steht auf schultfrei. Sexy aber nicht billig. Männer mögen nämlich gar keinen Ausschnitt. Sie mögen die Andeutung von „Was steckt da wohl noch drunter?“. Osterhasenpädagogik. True!

Niederdörfchen, Saftladen, Milchbar, Cabaret Voltaire, schrecklicher Sneakerstore, Süskindparfümerie… Er hofft inständig, sie möge kein Geschäft betreten. Shopping is heute nicht. So auf gar keinen Fall. Sie weiss natürlich, dass er das nicht will und deshalb geht sie an den für sie neuen Shops gleichgültig vorbei und würdigt sie keines Blickes.

Der Abend legt sich wie ein Schleier langsam aber sanftmütig über die schöne Stadt, mit ihren abertausenden Schicksalen und Geschichten. Die Beiden marschieren mit Fussgänger-GPS in die Hotzenstrasse. (Hotzenplotz läuft übrigens jeden Mittwochnachmittag im Kindertheater – für alle Märchen- und Geschichtengeschädigten weiblichen Leserinnen hier ).

Sie wollen eine Wohnung besichtigen, doch seine Stimmung ist plötzlich auf dem Nullpunkt. Sie hat kalt. Kolleg Essig, der eigentlich mit sollte an die spontane Wohnungsbesichtigung ist bei der Haarentfernung (man glaubt es kaum). Bei der Haaaaaarentfernung. Seine Stimmung ist unter dem Nullpunkt, sie wartet auf die ersten gefrorenen Schneekristalle, die aus seinem wohlgeformten Mund herausflöckeln. Er will nicht alleine besichtigen, sie drängt ihn. Fehler. Es steht ihr ja auch nicht zu. Beide drehen wieder um, Madame ist beleidigt. Sie weiss auch nicht genau weshalb. Er hätte sie ja mindestens beim Warten am Gartenzaun endlich mal zu sich ziehen können. Einfach eine SIE frieren lassen, ist jetzt nicht gerade sehr Don-Juan-mässig.

Sie besichtigen dann trotzdem, drehen also wieder um. Im Treppenhaus dann die Überraschung: Zur Wohnung gehört ein direkter Zugang zur Dachterrasse. Nachdem sie bereits den vom Nachbarn stecken gelassenen Schlüssel im Flur drehen und ihn somit einsperren wollte, dreht sie dann komplett ab, als sie ihm zu verstehen gibt, dass die dunkle Treppe hoch zur Dachterrasse ja eigentlich noch nett für ein Quickie wäre. Ein bisschen lustig findet er diese gewagte Idee dann eben doch. Erleichterung bei ihr.

Sein schwarzer Humor, seine Ironie begeistern sie. Sein gespieltes Desinteresse an ihr macht ihn umso interessanter für sie… Trotzdem taugt die Wohnung nichts. Kopfschüttelnd und alle Negationen der ex-potentiellen (nicht zu verwechseln mit exponentiellem Wachstum in mathematischer Hinsicht) Wohnung aufzählend, verlassen sie die Hotzenstrasse.

Danach geht’s in ein Lebensmittelfachgeschäft. Bestaunung der am Knochen gereiften Rindfleischrinder. Frau will es natürlich genau wissen, er will eigentlich nur endlich essen. Nach einem Vortrag des Fleischfachverkäufers über Milchsäurebakterien, die das Fleisch, so knochengereift wie es ist, dann hochwertiger werden lassen, verlassen die Beiden im Hinblick auf leckeres Essen dann recht heiter das Geschäft.

Die Überraschung dann in seiner Wohnung! Es riecht einfach verdammt lecker nach Vanille (ist also nicht sein Eigenduft, wie frau darauf schlussfolgert) und nach verschmutzten Pfannen, dreckigen Socken und WC-Rollen neben seinem Bett, sucht ihr geschulter Blick vergeblich.

Der Rotwein mundet, das Fleisch gart nieder im Ofen, er erzählt staunend seinen Freunden über diese ihre Fähigkeit, Fleisch anzubraten und es dann im Ofen fertig köcheln zu lassen. Aber sie ist ja schliesslich auch ein Ofen. HA!

Sie ist einwenig stolz, wie sie per Dampfabzuglampe, mit zwei Rechaudkerzen und adrett gefalteten MC Donaldsservietten ein Ambiente eines Fünfsterne-Lokals hingezaubert hatte und er glaubt zuerst noch, sein Mitbewohner, sei dafür verantwortlich zu machen. Ernsthaft? Echt jetzt???

Dann kommt es, wie es kommen muss. Er küsst sie lange, innig und ausgiebig am Herd. Glücklicherweise hat sie kurze Füsse – passend für Frauen, die am Herd stehen müssen. Da gehören Frauen ja auch hin (IRONIE Feministinnen!). Seine Küsse sind aus Samt, schmecken nach Regentropfen, die ans Fenster prasseln, nach Luftpolsterfolie, frischem Kaffee, sind bordeauxrot und ersetzen jedes Dessert in Form eines Vermicellebechers. Wirklich.

Dazwischen packt er sie leidenschaftlich an den Haaren, beisst ihr in den Hals und in jede andere Körperstelle, wirft sie hin und her in den Laken und hält ihr Gesicht in seinen Händen. Ihr Haare verheddern sich in seinen ledernen Armbändern, er zieht sie auf sich , neben sich und an sich und Vanilleduft benebelt ihre Sinne.

Rauchpause. Weiter trinken. Flasche die Zweite.

Um einen Kollateralschaden mit ihr und seinen in der Küche anwesenden Freunden und ihrem bloss mit Spitzenstrümpfen bestrumpften Po zu vermeiden, schickt er sie dann ins Zimmer. Sie erschrickt ob seiner klaren Ansage. Sie zittert innerlich ein wenig. Ihr rotweingeschädigter Kopf kann nicht mehr klar denken. Schön, dass er für sie mitdenkt. Denkt sie noch. Oder denkt sie, was denkt sich DER eigentlich? Kopfweh. Müdigkeit. Aber irgendwie trotzdem alles sehr wohlig und angenehm.

Als sie in der Nacht erwacht, liegt sein Arm um ihren Körper. So daneben war sie dann wohl zum Glück doch nicht. Erleichtertes Weiterschlafen ihrerseits.

Nach dem Sex am Morgen, legt er sich schnaufend neben sie. Es war ein Kraftakt, ein nimmer enden wollender Ritt, mal wild mal langsam. Heiss und kalt. Dunkel und hell. Sie hatte es gemocht. Diese beiden Seiten an ihm – unbezahlbar. Auch nicht mit VISA.

„Alles okay bei dir?“, fragt er lächelnd. Sie lächelt zurück. Oh ja. Schwer okay sogar. Er legt seinen Arm um sie.

Im Märchen wäre hier jetzt das Happy End. Und sie lebten glücklich und zufrieden bis das BLABLABLA… Welche bekloppte jungfräuliche Jungfer hat sich diese Storys wohl ausgedacht? Oder waren es wohl doch die Gebrüder Grimm? Die hätten sich wirklich grimmigere Dinge ausmalen können. Oder soll man sagen – realitätsnähere?

Zwei Minuten später zieht er seine Beine an – und schiebt sie dann mit seinen Füssen aus seinem Bett. Untermalt mit den Worten „Und jetzt verpiss dich“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Am Vorabend hatte er ihr dummerweise erzählt, dass er so mit seinen One-Night-Stands verfährt, wenn er sie endlich loswerden will.)

Sie hockt sich auf die Bettkante und sieht das Bügelbrett. Wäre da jetzt das Bügeleisen, würde sie ihn damit erschlagen. Notwehr – damit käme sie locker durch. Dank der vielen grünen Bissspuren, die sich bereits wie ätzende Geflechte über ihren sonst so hellen Körper legen, hätte sie sogar Beweise. Bissspuren, so bittersüss sie in der Nacht auch waren, können so bitterböse am nächsten Morgen erscheinen.

Sie könnte heulen und wimmern, toben und fluchen. Aber innerlich zittert es nur. Scheiss auf: „Zuneigung geht durch den Magen.“ Wäre doch bloss noch am knochengereiften Rindfleisch ein Knochen dringesteckt. Hätte der sich dran verschlucken können  und sie genüsslich rotweinsüffelnd zusehen. (Notwehr wäre hier wohl dann nicht mehr so locker abgekauft worden von der Kripo?) Ihre Gedanken überschlagen sich beim hastigen Anziehen. Nur nicht heulen, denkt sie sich.

Er ruft auf den Flur hinaus : „Den Jogurt kannst du aber schon noch essen!“. Oha. Was kümmert ihn nun noch ihre zuvor angedeutete Unterzuckerung?

Die Küche sieht miserabel aus. Das Nichthoniglas liegt zersplittert auf dem Boden. Hat die Session auf dem Küchentisch zwischen ihr und ihm nicht durchgestanden. Normalerweise würde sie nun lächeln, jetzt könnte sie schreien.

Trotz allen abstrusen Gedanken, will sie ihn noch einmal küssen. Ein wohl letztes Mal. Sie zieht ihn zu sich heran und küsst ihn. Leider schmecken seine Küsse immer noch samtig, vanillig, bordeauxrot und regentropfenprasselig. So ein verdammter Mist aber auch!

Im Zug zurück in ihre Stadt, macht sich dann Dumpfheit in ihr breit (vielleicht auch etwas DuMMheit, da sie alle Geschehnisse immer und immer wiederkehrend rekapituliert). WIESO mit den Füssen aus dem Bett geschoben werden? Kann sich frau ja direkt unter den Zug werfen, ne…

Und dann plingt ihr Handy. Und die zwei roten Quadrate, welche mit zwei Minusstrichen voneinander getrennt sind und seinen Namen in der Mitte umgeben, blinken auf. Sie kann nicht anders – sie beginnt endlich zu lächeln und hört auf zu denken.

Und die Ironie der Geschicht`? Ironie verträgt sich mit Ironie nicht nicht…

 

 

§28 · Januar 5, 2016 · Allgemein · (No comments) ·


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